Billy Corgan ist kein Typ, den man einfach „Frontmann“ nennt und dann weiterklickt. Er ist der Beweis dafür, dass aus Unangepasstheit Macht werden kann, wenn man lange genug stur bleibt. Geboren 1967 in Chicago, wuchs er mit dem Gefühl auf, nirgends wirklich dazuzugehören. Zu groß, zu anders, zu sichtbar. Ein rotes Muttermal auf Arm und Hand, das ihn schon als Kind markierte. Nicht symbolisch. Ganz real. Kinder sind brutal ehrlich, und Billy bekam das früh zu spüren. Seine Familie war instabil, sein Vater Musiker, aber mehr Abwesenheit als Halt. Gewalt, emotionale Kälte, ständiges Weitergereichtwerden zwischen Verwandten. Corgan beschrieb sich später als „lebende Zurückweisung“.
Klingt dramatisch. War es auch. Und genau hier liegt der Kern seiner späteren Musik. Nicht Rebellion aus Coolness, sondern Überleben aus Notwendigkeit. Er war erst Baseball-Wunderkind, größer und stärker als alle anderen, Home-Run-König. Bis der Körper der anderen aufholte und das Geld für die Liga plötzlich fehlte. Also hörte er auf. Nicht aus Protest, sondern weil niemand ihn auffing. Dann kam dieser eine Moment. Ein Freund. Ein Keller. Eine schwarz weiße Flying V. Kein Können, kein Song, nur Lärm. Und trotzdem war sofort klar, das ist es. Nicht, weil es leicht war, sondern weil es Sinn machte. Corgan brachte sich Gitarre selbst bei. Keine Lehrer, keine Noten, keine Anleitung.
Stundenlang allein im Zimmer, getrieben von dem Gefühl, dass er sonst nichts hatte. Seine Einflüsse reichten von Black Sabbath über Van Halen bis Bauhaus und The Cure. Härte und Melancholie. Wut und Schönheit. Diese Mischung wurde später sein Markenzeichen. Nach der Highschool verzichtete er auf College, Stipendien und Sicherheit. Er wollte eine Band. Punkt. Erste Versuche scheiterten. Florida war ein Reinfall. Chicago war hart. Jobs im Plattenladen, miserable Shows, Drumcomputer statt Schlagzeuger. Niemand verstand, was er wollte. Er selbst oft auch nicht. Aber Aufgeben war keine Option. Die Smashing Pumpkins entstanden nicht aus Harmonie, sondern aus Reibung.
James Iha traf er zufällig. D’arcy Wretzky nach einem Streit über eine andere Band. Jimmy Chamberlin als letztes fehlendes Teil. Ab da war klar, das hier ist kein Indie-Projekt. Das ist ein System. Und Corgan kontrollierte es. Ja, er war ein Control Freak. Und ja, er spielte auf Siamese Dream fast alle Gitarren und Bass selbst ein. Nicht aus Ego, sondern aus Angst, dass es sonst nicht so klingt, wie es in seinem Kopf musste. Der Erfolg kam schnell und brutal. Gish öffnete die Tür. Siamese Dream riss sie aus den Angeln. Mellon Collie and the Infinite Sadness machte sie zu Giganten. Millionen verkaufter Alben, Grammy-Nominierungen, Welttourneen. Songs wie „Today“, „1979“ oder „Disarm“ wurden Generationen-Soundtracks.
Und trotzdem wurde es dunkler. Drogen, Todesfälle, interne Brüche. Der Tod von Jonathan Melvoin. Der Rauswurf von Chamberlin. Die Scheidung. Der Tod seiner Mutter. Adore war kein Trendwechsel, sondern ein Traueralbum. Die Band zerbrach 2000. Nicht leise, sondern erschöpft. Corgan machte weiter. Zwan. Soloalben. Gedichte. Öffentliche Beichten im Internet, lange bevor das normal war. Er schoss verbal um sich, verbrannte Brücken, machte sich Feinde. Nicht alles davon war klug. Aber es war ehrlich. Die Rückkehr der Smashing Pumpkins war kein Nostalgie-Gag. Es war Sturheit. Neue Line-ups, neue Alben, neue Konflikte. Corgan blieb. Immer. Er ist der einzige konstante Faktor, weil die Band im Kern immer Ausdruck seiner inneren Welt war. Unruhig. Kontrollierend. Verletzlich. Grandios. Anstrengend.
Parallel dazu stürzte er sich in Wrestling. Nicht als Fanprojekt, sondern ernsthaft. Besitz der NWA. Promoter. Unternehmer. Wieder Kontrolle. Wieder Struktur. Wieder ein Universum, das er formen konnte. Billy Corgan polarisiert, weil er nicht gelernt hat, sich klein zu machen. Er ist sensibel und gnadenlos. Tief verletzt und extrem leistungsfähig. Er will verstanden werden, weigert sich aber, es einfach zu machen. Genau deshalb funktioniert seine Musik bis heute.
Er ist kein Held. Kein Opfer. Kein Genie ohne Schatten. Er ist jemand, der gelernt hat, dass Schmerz nicht verschwindet. Man kann ihn nur laut genug machen, damit er Bedeutung bekommt. Und genau das hat Billy Corgan getan.