Greg Koch ist wahrscheinlich der berühmteste Gitarrist, den Nicht-Gitarristen nicht kennen. Geboren 1966 in Wisconsin, aufgewachsen im Raum Milwaukee, jüngstes von sieben Kindern – was einiges erklärt. Mit zwölf greift er zur Gitarre, hört Jimi Hendrix und beschließt offenbar, dass „normal“ keine Option ist. Er studiert Jazz an der University of Wisconsin–Stevens Point, nicht um smooth zu werden, sondern um genug Werkzeug zu haben, um später alles wieder einzureißen. Schon früh wird klar: Koch interessiert sich nicht für Schubladen. Blues, Rock, Funk, Jazz, Country – alles wird zerlegt, neu zusammengesetzt und mit Humor serviert.
1989 gewinnt er den Bluesbreaker Guitar Showdown, beurteilt von Buddy Guy. Das ist der Moment, in dem klar wird: Das hier ist kein regionales Talent, das ist ernst. Trotzdem entscheidet sich Koch nicht für den klassischen Star-Weg, sondern für den langen, schmutzigen Pfad des „Gitarristen-Gitarristen“. Er gründet Bands wie Greg Koch and the Tone Controls, sammelt reihenweise Wisconsin Area Music Awards, spielt mit Leuten wie Roscoe Beck, Malford Milligan und Tom Brechtlein und baut sich einen Ruf auf, der weniger auf Hits als auf Substanz basiert. Fünfzehn Alben später ist er kein Geheimtipp mehr – eher ein Running Gag unter Gitarristen: „Kennst du Greg Koch? Ja klar. Warum ist der eigentlich nicht weltberühmt?“
Parallel dazu wird Koch zum wandelnden Schweizer Taschenmesser der Gitarrenwelt. Er schreibt Bestseller-Lehrbücher für Hal Leonard, produziert über ein Dutzend Instructionals, schreibt Kolumnen für Guitar Player und Premier Guitar und wird von Fender zum internationalen Ambassador gemacht – inklusive Platzierung in deren Liste der „Top Ten Unsung Guitarists“. Später folgt Fishman, wo er nicht nur demonstriert, sondern gleich eigene Gristletone Signature Pickups entwickelt. 2020 nennt Guitar World ihn einen der besten Gitarrenlehrer überhaupt, was er vermutlich mit einem Witz kommentiert hat, den man nicht zitieren kann.
Dann kommen die Wildwood-Guitars-Videos – und damit der endgültige Kultstatus. Über 4.000 Clips, mehr als 50 Millionen Views, endlose Testfahrten durch Boutique-Gitarren, Amp-Orgie, absurde Kommentare und ein Humor, der klarstellt: Dieser Mann nimmt Gitarren ernst, sich selbst aber nicht. Für viele Spieler weltweit ist Greg Koch dadurch zur festen Größe geworden – nicht als Idol, sondern als anarchischer Onkel, der dir zeigt, was möglich ist, wenn man Technik, Geschmack und völlige Schmerzfreiheit kombiniert.
2017 gründet er das Koch Marshall Trio – und das ist vielleicht seine konsequenteste musikalische Form. An den Drums sitzt sein Sohn Dylan Koch, der schon mit Küchenutensilien getrommelt hat, bevor er laufen konnte, aufgewachsen mit Ginger Baker, Keith Moon und John Bonham und später geschult von Tom Brechtlein. An der Hammond B3 steht Toby Lee Marshall, ein Organist mit genug Groove, um Räume zu verschieben. Das Trio ist bluesgetränkt, funkig, jazzig, rockig und völlig schmerzfrei im Improvisieren. Das Debütalbum Toby Arrives erscheint 2018 bei Mascot Label Group, wird sogar für einen Grammy eingereicht und zeigt, worum es Koch wirklich geht: Risiko, Spielfreude und musikalischer Kontrollverlust mit Ansage.
Auch solo bleibt Koch produktiv. Er arbeitet als Clinician für Fishman und Martin, veröffentlicht ein Akustikalbum (Acoustic Gristle Soup), bringt zusammen mit Reverend Guitars die Greg Koch Signature Gristlemaster heraus – inklusive Farbnamen, die mehr über seinen Humor verraten als jede Pressemitteilung. Dazu kommt ein eigenes Signature-Amp-Modell namens The Greg, weil Bescheidenheit irgendwo Grenzen hat. Stilistisch ist Koch berühmt für sein Hybrid-Picking, Chicken-Picking und die Fähigkeit, technisch absurde Dinge so klingen zu lassen, als wären sie eine schlechte Idee, die zufällig genial funktioniert.
2023 wird Greg Koch in die WAMI Hall of Fame aufgenommen. Spät, aber folgerichtig. Lob kommt seit Jahren von Leuten wie Joe Bonamassa und Steve Vai, Einladungen zu Les-Paul-Tributes inklusive. Privat lebt Koch mit seiner Frau Sarah, vier Kindern und offenbar genug Energie, um mehrere Karrieren parallel zu fahren. Sein Vermächtnis ist klar: Greg Koch ist kein Gitarrenheld für Posterwände. Er ist ein Beweis dafür, dass man mit Talent, Arbeit, Humor und null Angst vor Lächerlichkeit eine Karriere aufbauen kann, die länger hält als jeder Trend. Und genau deshalb ist er so verdammt relevant.