Wenn man heute auf Charlie Parra schaut, Signature-Gitarren, internationale Touren, YouTube-Millionen und eine Fanbase, die ihn wie eine peruanische Mischung aus Eddie Van Halen und einem hyperaktiven Straßenköter feiert, dann vergisst man leicht, dass der ganze Zirkus damit begann, dass ein Schultherapeut seine Familie warnte: „Bringt den Jungen zum Musizieren. Oder er fliegt.“ Charlie wurde 1985 in Lima geboren und hatte das Talent, Psychologen nervös zu machen. Mit 13 drückte man ihm ein Cajón in die Hand, dieser traditionelle Holzkasten sollte seine „Energie kanalisieren“. Was er auch tat. Aber nicht im Sinne des Therapeuten. Nach zwei Minuten Cajón dachte Charlie offenbar: „Okay… cool… aber was, wenn ich stattdessen einfach die Gitarre zerstöre?“ Und genau das tat er. Zuerst schlecht. Dann obsessiv. Und irgendwann… richtig, richtig gut. Während andere Teenager versuchten, in Mathe nicht abzukacken, ließ sich Charlie von Pop-Punk und Nu-Metal hypnotisieren. Doch alles änderte sich in den frühen 2000ern, als er plötzlich Eddie Van Halen, Randy Rhoads, Slash und Batio entdeckte.
Stell dir vor: Ein 15-jähriger peruanischer Junge, der zu „Panama“ Luftsolo spielt und gleichzeitig merkt, dass sein Leben gerade eine komplett neue Richtung bekommt. 2003 gründete Charlie zusammen mit ein paar Freaks Difonía. Eine Mischung aus Hardcore, Punk, Metal und jugendlicher Wut, also der Soundtrack seiner Persönlichkeit. Von 2004 bis 2010 ratterte die Band drei Alben runter, spielte Festivals, stand mit Silverstein, Alesana und anderen internationalen Acts auf der Bühne und brachte die peruanische Szene zum Kochen. Er tourte, schrammelte, schrie und wuchs, musikalisch und als Mensch. Später würde er sagen: Punk war die Attitüde. Metal war die Religion. Neben Difonía war Charlie bis 2009 auch Teil von Serial Asesino, seiner New-Metal-Phase. Dann kam 2009 der Ritterschlag: M.A.S.A.C.R.E, eine der legendärsten Metal-Bands Perus, rekrutierte ihn als Gitarristen. Für Charlie war das wie für einen Star-Wars-Nerd: „Du darfst jetzt mit dem Lichtschwerter spielen. Und vielleicht ein paar Stormtrooper umhauen.“ Er spielte große Shows, teilte die Bühne mit Kultbands, sorgte für 20.000 schreiende Menschen beim legendären Festival VIVO X EL ROCK.
Sagen wir es so: er wuchs zu einem der wichtigsten Gitarrenhelden Perus heran. Während YouTube in Peru noch klang wie „Jutúb, was ist das?“, lud Charlie 2010 eine Heavy-Metal-Version der peruanischen Nationalhymne hoch. Das Internet rastete aus. Fernsehen, Radio, Zeitungen, alle wollten den Typen sprechen, der die Nationalhymne in ein Boss-Battle verwandelt hatte. Dann kam das Album Procrastinación (2011), gefolgt von viralen Videos wie „Punk vs Metal“. Plötzlich wurden seine Riffs weltweit gecovert und sein YouTube-Kanal explodierte. Und man sah: Die Mischung aus Punk-Attitüde + Metal-Technik + Selfmade-YouTube war seine Superkraft. 2012 verließ Charlie Difonía. Nicht um „Zeit für sich“ zu haben, nein. Er schloss sich der kanadischen Metalband Kobra and the Lotus an und wurde direkt in eine europäische Tour geworfen: Steel Panther, Buckcherry, Sonata Arctica, die ganze Palette. Zwischen 2012 und 2014 tourte er durch Europa, UK und die USA, spielte auf großen Bühnen, nahm das Album High Priestess auf und erlebte das Leben eines internationalen Touring-Musikers mit all seinen Höhen und seinem Visa-Papierkram-Horror. Ironischerweise war genau dieser gottverdammte Papierkram der Grund, weshalb er die KISS-Tour 2014 verpasste und die Band verließ.
Auch während der Kanada-Zeit vergaß Charlie nie seine Solokarriere. Er veröffentlichte das Album Organic I (2013), spielte auf dem gigantischen Hellfest 2015, performte vor Slash mit der Castillo-Brüder-Band und machte sich als vielseitiger Gitarren-Doomslayer einen Namen. Seine Musik tauchte in Projekten für TotalBiscuit, CoD-Ikonen und Videospiel-Releases wie World of Warcraft und Overwatch auf. 2016 spielte er sogar mit einem Bicentenario Symphonic Orchestra ein ausverkauftes Konzert. Peru hatte seinen eigenen Metal-Superhelden erschaffen. Dann kam das Level-Up: Kramer und Gibson nahmen Charlie unter Vertrag, der erste Südamerikaner mit einer Kramer-Signature-Gitarre. Nite V Charlie Parra und Vanguard Charlie Parra: zwei aggressive, spielbare V-Gitarren mit EMGs. Gebaut für Abrissbirnen auf Bühnen. Der Grund, warum Gibson ihn wollte? Weil sein YouTube-Kanal explodierte. 10 Millionen Views auf „Punk vs Metal“, und ein paar Bosses bei Gibson dachten: „Okay, dieser verrückte Peruaner ist legit.“ Charlies Liebe zu Eddie Van Halen ist nicht süß, sie ist fanatisch auf die beste Art.
Er zollte ihm Tribut mit Medleys, custom EVH-Grafiken auf seiner Nite V und einem heimlichen Moment, in dem er eine echte Eddie-Van-Halen-Gitarre spielen durfte. Seine Worte über Eddie: „Es wird nie wieder einen Eddie geben. Sein Erbe lebt weiter.“ Und du spürst: Das meint er. Zwanzig Jahre nach den ersten Cajón-Schlägen wurde Charlie Teil von Saratoga, einer legendären spanischen Power-Metal-Band. Touren in Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Chile, Kolumbien, alles im Akkord. Dann noch Kuarantine, das Projekt von Chris Jericho. Charlie nennt es selbst: „Verrückt.“ Was in seiner Welt vermutlich „normal“ bedeutet. Trotz all des Erfolgs bleibt Charlie realistisch. Er sieht, wie Social-Media-Clips das Handwerk verzerren. „15 Sekunden Shredding, und dann noch hundert Clips, die genauso klingen, das zerstört Musikalität und Storytelling.“ Er macht es selbst, weil es Teil des Spiels ist, aber er weiß, dass Disziplin, Hingabe und echte Entwicklung wichtiger sind als Likes.