Richie Kotzen wurde 1970 in Pennsylvania geboren, und schon sehr früh war klar: Dieses Kind wird entweder Musiker oder ein ernsthaftes Problem für den Rest der Welt. Mit fünf Jahren saß er am Klavier, mit sieben griff er zur Gitarre – nicht aus therapeutischen Gründen, sondern weil KISS existierten und Schminke, Feuer und Gitarren nun mal überzeugende Argumente sind. Während andere Kinder noch versuchten, ihre Schnürsenkel zu bändigen, entwickelte Kotzen bereits eine Technik, die später ganze Gitarrenmagazine in Schnappatmung versetzen sollte. Mit 19 hatte er seinen ersten Plattenvertrag bei Shrapnel Records in der Tasche. Mit 19. Andere Leute feiern da ihren ersten legalen Kater, Kotzen nahm ein Instrumentalalbum auf, das klang, als hätte jemand Legato, Sweeping und unverschämtes Selbstvertrauen in einen Mixer geworfen. Sein Debüt Richie Kotzen (1989) machte klar: Hier kommt kein weiterer Shred-Zombie, sondern jemand, der Technik nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug versteht. Kurz darauf folgte Fever Dream – und plötzlich konnte der Typ auch noch singen.
Richtig singen. Ärgerlich gut. Die 90er meinten es ernst mit ihm. 1991 stieg Kotzen bei Poison ein, schrieb Songs, lieferte Hits (Stand, Until You Suffer Some) und bewies, dass Glam Metal auch mit echter Musikalität funktionieren kann. Native Tongue war Poison auf Erwachsenenniveau – was leider nicht reichte, um interne Seifenopern zu verhindern. 1993 war Schluss. Offizieller Grund: romantische Verstrickungen. Inoffizieller Grund: Zu viel Talent für eine Band, die lieber Haarspray als Harmonien mochte. Kotzen machte danach das, was er am besten kann: sein eigenes Ding. Er veröffentlichte ein Album nach dem anderen, irgendwo zwischen Rock, Blues, Funk, R&B, Soul und Jazz Fusion – Musik für Leute, die fühlen wollen, aber trotzdem wissen, was eine None ist. Er arbeitete mit Glenn Hughes, Greg Howe, Stanley Clarke, Gene Simmons und jedem, der musikalisch mithalten konnte. 1999 ersetzte er Paul Gilbert bei Mr. Big – eine Aufgabe, die ungefähr so einfach ist wie Eddie Van Halen beerben. Kotzen tat es trotzdem, schrieb Songs wie Shine und verließ die Band später kommentarlos, um wieder er selbst zu sein.
Ab den 2000ern wurde Kotzen endgültig zu einer Ein-Mann-Armee. Er spielte Gitarren, Bass, Schlagzeug, sang, produzierte und veröffentlichte Platten in einer Frequenz, bei der selbst Spotify nervös wird. Slow, Change, Get Up, Into the Black, Peace Sign – jedes Album ein anderer Vibe, aber immer dieselbe DNA: Groove, Seele, keine Angst vor Melodie. Dass er zwischendurch auch mal Rolling Stones supportete oder Gundam-Theme-Songs auf Englisch einsang, wirkte weniger wie Karrierekalkül und mehr wie: „Warum eigentlich nicht?“ 2012 dann der nächste Beweis, dass Kotzen keine Lust auf Stillstand hat: The Winery Dogs. Mit Mike Portnoy und Billy Sheehan gründete er eine Supergroup, die tatsächlich wie eine Band klang – nicht wie ein Ego-Wettbewerb. Kotzen übernahm Gesang, Gitarre und Songwriting, und plötzlich hatte moderner Hard Rock wieder Groove, Hooks und Substanz. Parallel dazu veröffentlichte er weiter Soloalben, darunter Cannibals, Salting Earth und das komplett überambitionierte 50 for 50 – ein 50-Song-Monstrum zum 50. Geburtstag, inklusive Pyjama-Video in der Küche während Corona. Stilvoller kann man Midlife nicht feiern.
Als wäre das alles noch nicht genug, tat er sich 2020 mit Iron-Maiden-Gitarrist Adrian Smith zusammen. Smith/Kotzen klang wie zwei Musiker, die nichts beweisen müssen und genau deshalb alles dürfen: Classic Rock, Blues, britisch-amerikanische Lässigkeit, ehrliche Songs. Touren, EPs, Festivals – inklusive Sweden Rock 2024 – folgten. Spieltechnisch ist Kotzen eine eigene Kategorie. Er mischt Hendrix, SRV, Van Halen, Holdsworth und Jason Becker zu einem Stil, der brutal technisch, aber nie kalt wirkt. Viel Legato, viel Sweep, viel Seele. Seit Mitte der 2000er spielt er fast ausschließlich mit den Fingern – Picks sind für ihn eher eine optionale Erinnerung an die Vergangenheit. Fender-Gitarren, Signature-Strats und Teles, Victory-Amps, kaum Effekte. Ton kommt aus den Händen, nicht aus dem Pedalboard. Unterm Strich ist Richie Kotzen einer dieser Musiker, die dich gleichzeitig inspirieren und frustrieren. Zu gut, zu produktiv, zu vielseitig – und dabei völlig uninteressiert an Hypes oder Trends. Er ist kein Gitarrenheld im klassischen Sinn. Er ist etwas Schlimmeres: ein Künstler mit Geschmack, Technik und Seele. Und genau deshalb ist er auch nach Jahrzehnten immer noch relevant.