Chris Freeman wuchs dort auf, wo musikalische Karrieren normalerweise nicht anfangen. In der Upper Peninsula von Michigan. Viel Wald, wenig Menschen, praktisch keine Szene. Wenn man dort Musik machen wollte, musste man entweder sehr stur sein oder sehr gelangweilt. Chris war beides. Shows gab es kaum. Gleichgesinnte noch weniger. Musik bedeutete damals Mix CDs, YouTube Recherchen bei schlechtem Empfang und stundenlanges Herumfahren im Auto, nur um Songs zu hören. Streaming war Luxus. Inspiration musste man sich erarbeiten. Sein musikalischer Anfang war alles andere als glamourös. Er spielte in einer Coverband, die irgendwo zwischen Reggae, Ska Punk und jugendlicher Verzweiflung pendelte.
Parallel dazu spielte ein anderer Teenager aus derselben Gegend in einer Punkband mit eigenen Songs. Sein Name war Tades. Die beiden trafen sich zufällig bei einem Konzert in einem alten Theater in Escanaba. Bevölkerung unter 15.000. Publikum bestand aus ihren Eltern und einem einzigen Typen mit Jeep, den man dafür bezahlte, reinzukommen. Niemand kaufte Tickets. Aber irgendetwas klickte. Sie fingen an, gemeinsam Songs zu schreiben. Aus Mangel an Alternativen wurde Nähe. Aus Nähe wurde eine Band. Als Chris aufs College ging, zog Tades einfach mit in dieselbe Stadt. Lansing. Nicht, weil es romantisch war, sondern weil dort Macs Bar stand. Ein kleiner Club mit vielleicht 200 Leuten Kapazität, ein paar Blocks von ihrer Wohnung entfernt.
Für die beiden war das Epizentrum der Welt. Sie gingen zu allem, was lief. Emo Revival, lokale Bands, alles, was irgendwie nach Szene roch. You Blew It!, Free Throw, The Hotelier, Oso Oso. Bands, die später wichtig wurden, damals aber einfach nur laut und ehrlich waren. Hot Mulligan entstand nicht aus einem Masterplan, sondern aus Mangel. Mangel an Szene. Mangel an Möglichkeiten. Also spielten sie dort, wo man sie ließ. Wenn jemand anrief und fragte, ob sie ein paar Stunden nach Milwaukee fahren wollten, um in einem leeren Café mit zwei PA Boxen für sieben Leute zu spielen, sagten sie ja. Immer ja. Punk Shows kannten sie nicht vom Zuschauen. Sie kannten sie vom Spielen.
Die ersten Songs entstanden im Wohnzimmer und im Keller von Chris’ Eltern. Später im Studentenwohnheim. Dünne Wände, genervte Mitbewohner, schiefe Gitarren. Niemand war technisch brillant. Aber es war echt. Noch bevor Chris an der Michigan State University ankam, hatten sie bereits Shows gespielt. Er wählte die Uni bewusst. Größere Stadt. Größere Szene. Mehr Chancen. Und tatsächlich war Michigan zu dieser Zeit ein verdammt fruchtbarer Boden für Emo und Pop Punk. Der erste richtige Hot Mulligan Auftritt fand im April 2015 in Milwaukee statt. Für Tades war es sogar der erste Konzertbesuch seines Lebens.
Einen Monat später spielten sie ihr erstes Michigan Konzert in Marquette. Eine Art Release Show für ihre zweite EP Honest & Cunning. Kleine Bühne, kleine Bands, aber große Bedeutung. Kurz darauf spielten sie beim Bled Fest. Eigentlich viel zu früh. Sie hatten kaum Shows gespielt. Chris log schamlos in der Bewerbung und behauptete, sie hätten eine riesige Fanbase im Norden Michigans. Niemand überprüfte es. Sie bekamen den Slot. Früh am Tag. Kleine Bühne. Aber plötzlich standen sie auf einem Festival, das sie Jahre zuvor nur aus YouTube Videos kannten. Manchmal reicht Dreistigkeit. Von dort an wuchs alles langsam, aber konstant. Keine viralen Wunder. Kein Industry Push. Einfach Touren, Schreiben, Wiederholen.
Hot Mulligan wurde Teil einer neuen Welle, die alte Emo Gefühle nahm und sie nicht peinlich, sondern ehrlich klingen ließ. Nostalgie half, klar. Aber nur, weil die Songs Substanz hatten. Auf ihren Konzerten tauchten plötzlich auch Leute auf, die eigentlich zu alt für das Ganze waren. Menschen, die diese Musik schon einmal geliebt hatten und jetzt merkten, dass sie wieder funktioniert. Parallel dazu begann Chris, Musik zu schreiben, die nicht nach Hot Mulligan klang. Zu seltsam, zu persönlich, zu frei. Also erfand er XLHC. Extra Large Holiday Card. Kein Erwartungsdruck. Keine Marke. Einfach Songs rauswerfen und sehen, was passiert. Tourpläne gab es keine, aber Träume. Charli XCX zum Beispiel. Völlig unrealistisch. Aber genau deshalb ehrlich. Lieber mit Freunden auf Tour gehen als mit Konzepten.
Währenddessen wuchs Hot Mulligan weiter. Touren mit Bands wie Knuckle Puck. Früher als Opener, später als direkter Support. Alte Freundschaften, neue Erinnerungen, Wiffle Ball Backstage. Und irgendwann der Moment, in dem sie im Crofoot Complex nicht mehr den kleinen Raum spielten, sondern den Ballroom. Über tausend Leute. Dieselbe Location, in der Chris früher nur zweimal als Zuschauer war, weil sein Vater ihn sechs Stunden hinfahren musste. Heute ist Chris Freeman jemand, der immer noch nervös ist, aber weiß, warum er das alles macht. Jemand, der aus einer Gegend ohne Szene kam und sich eine gebaut hat. Jemand, der nie geplant hat, wichtig zu werden, sondern einfach nicht aufhören konnte zu schreiben und zu fahren und zu spielen. Hot Mulligan steht für eine Generation, die gelernt hat, dass man nichts erbt. Man fährt es sich zusammen. Kilometer für Kilometer.