Paul Gilbert wurde 1966 in Carbondale, Illinois geboren, wuchs aber auf einem kleinen Bauernhof in Pennsylvania auf, zusammen mit seiner Schwester Kate. Das Leben dort war simpel: Hühner füttern, Rasenmähen und, am wichtigsten – Gitarre üben. Mit fünf Jahren bekam Paul seine erste Gitarre, nahm Unterricht und war sofort fasziniert. Klar, ein bisschen Pop der 70er, Osmonds, Jackson 5, floss auch in seine Kindheit ein, aber die echte Liebe galt den Saiten. Sein Onkel Jimi Kidd brachte ihm die ersten Tricks bei: Bending, Vibrato, die kleinen Details, die einen guten Spieler von einem großartigen unterscheiden. Mit elf spielte er sein erstes Konzert und alle, die dachten, es sei nur ein Hobby, lagen falsch. Paul hatte Feuer, Ehrgeiz und ein Gedächtnis für Technik, das ihm später erlauben sollte, die Gitarrenwelt zu schockieren. Nach einer kurzen Pause vom Instrument fand er über neue Lehrer wieder zum Spielen zurück, diesmal mit allen Fingern und Downstrokes, die Grundlagen für seinen unverkennbaren Stil.
Schon früh war klar: Paul war kein Durchschnittsgitarrist. Mit 15 schickte er eine Demo an Mike Varney (Guitar Player Magazine), in der Hoffnung, Randy Rhoads in Ozzy Osbournes Band zu ersetzen. Spoiler: klappte nicht. Aber die Verbindung zu Varney sollte sich als unschätzbar erweisen. Nach dem Highschool-Abschluss entschied sich Paul gegen die traditionelle Schule und schrieb sich 1984 an der neu gegründeten Guitar Institute of Technology (GIT) in Hollywood ein. Dort tauchte er tief in Technik, Theorie und Komposition ein. Schon 1985 spielte er auf Black Sheeps Trouble in the Streets und gewann das berühmte „Guitar Wars“-Turnier in Hollywood, was ihm den Ruf eines Wunderkinds einbrachte. Kurz darauf begann die Geburt von Racer X: Paul suchte Mitmusiker, fand Juan Alderete am Bass, Harry Gschoesser am Schlagzeug und schließlich Jeff Martin am Gesang. Die Band übte hart, oft ab 6 Uhr morgens, perfektionierte atemberaubende Harmonien und Shred-Sequenzen, die niemand zuvor gehört hatte.
Das erste Album Street Lethal (1986) katapultierte Paul in die Gitarren-Elite. Die technischen Soli, besonders „Frenzy“, zeigten, dass er nicht nur schnell, sondern präzise, kreativ und dabei auch noch musikalisch war. Racer X wuchs, die zweite Platte Second Heat (1987) brachte legendäre Stücke wie „Scarified“ und zeigte die inzwischen berüchtigten Duelle von Paul und Bruce Bouillet. Live legten sie noch eine Schippe drauf: Soli mit Zähnen, Makita-Bohrer als Tremolo, Left-hand tapping auf der Gitarre des anderen, Chaos und Präzision gleichzeitig. Paul experimentierte außerdem mit Gitarren: die modifizierte Epiphone Wilshire und die ersten pinkfarbenen „Iba-Phones“ für ihn und Bruce. Doch der Drang nach melodischem Rock führte ihn bald zu Mr. Big. Gemeinsam mit Billy Sheehan gründete er die Band, die 1991 mit Lean Into It einen Riesenhit landete: „To Be With You“ erklomm die US-Charts. Die Musik von Mr. Big kombinierte 70er-Power-Pop-Balladen mit virtuosen Gitarren, und Paul zeigte, dass er mehr konnte als nur shredden.
Parallel setzte er seine Lehrtätigkeit fort: Schon mit 18 war er Instruktor am GIT, später auch an der MI Japan und heute online über ArtistWorks. Seine Intense Rock-Videos und Clinics inspirierten Generationen von Gitarristen weltweit. Er perfektionierte Alternating Picking, Sweep Picking, String Skipping, Legato und brachte selbst komplexe Sequenzen verständlich rüber. In den späten 90ern und 2000ern kehrte er zu Racer X zurück, veröffentlichte Technical Difficulties, Superheroes und Getting Heavier, während er parallel Soloalben wie King of Clubs, Flying Dog und Alligator Farm aufnahm. Paul experimentierte auch mit Gitarren-Designs: Aus einem Photoshop-Experiment entstand die Ibanez Fireman, eine Signature-Gitarre.
Paul Gilberts Spiel ist ein Mix aus Shred-Technik, Jazz- und Blues-Elementen, 70er-Pop-Melodien und klassischer Komposition. Auch wenn er heute langsamer und melodischer spielt, bleibt sein Ruf als einer der präzisesten, kreativsten und technisch brillantesten Gitarristen bestehen. Nebenbei kämpft er mit Tinnitus, schützt sich mittlerweile mit Noise-Cancelling-Kopfhörern und tourt weiterhin mit Mr. Big, Racer X oder Solo, immer auf der Suche nach neuen Ideen, neuen Sounds und dem perfekten Ton. Kurz gesagt: Paul Gilbert ist der Typ, der aus einem Bauernhof in Pennsylvania kam, um die Gitarrenwelt zu erschüttern und dabei nie seinen Humor, seine Liebe zur Musik oder seine verrückte Technik verlor.