Colson Baker, bekannt als Machine Gun Kelly, wurde am 22. April 1990 in Houston im US-Bundesstaat Texas geboren. Aber das heißt nicht viel, weil seine Kindheit sowieso überall stattfand, Ägypten, Kenia, Deutschland, irgendwo zwischen Chaos, Kirchenmissionen und diesem ständigen Gefühl, dass man nirgends so richtig hingehört. Die meisten Kinder lernen erst Fahrrad fahren, bevor sie eine Fremdsprache können. Colson lernte erst Arabisch. Englisch kam danach. Willkommen in seiner Startposition: permanentes Umziehen, permanentes Improvisieren und eine Familie, die kurz vorm Zerbröseln stand. Als seine Mutter ging, ging bei seinem Vater gleich die mentale Festplatte mit.
Depressionen, Absturz, Unsicherheit, und mittendrin ein dünner, wütender Junge, der mehr Umzugskartons sah als stabile Momente. Irgendwann in der Pubertät, dieser magischen Zeit, in der jeder Teenager denkt, er wäre entweder der Auserwählte oder komplett am Arsch, findet Colson Rap. Und nicht irgendein Rap, sondern der, der dich anschreit, während er dir gleichzeitig das Gefühl gibt, dass du doch noch eine Chance im Leben hast. Ludacris, DMX, Eminem – Leute, deren Stimmen damals so klangen, als hätten sie einen Pakt mit der Wut selbst geschlossen. Colson hörte das und dachte: „Okay, das ist es. Das ist meine verdammte Sprache.“
Während andere Kids Bluetooth-Boxen klauen oder Fortnite suchten, baut er sich ein Studio aus Kabelsalat, einem halb toten Mikrofon und einem Computer, der wahrscheinlich schon damals Selbstmordgedanken hatte. Er nennt das Ganze „Rage Cage“, was exakt die Energie widerspiegelt, die in diesem Raum herrschte. Kein Geld, kein Plan B, keine Privilegien. Er jobbte in Fast-Food-Buden, schlief bei Freunden, hatte zwei Outfits für die ganze Woche und trotzdem rappte er wie jemand, der gerade versucht, sich aus dem eigenen Leben freizuboxen. Dann kommt der erste große „WTF“-Moment: das Apollo Theater in Harlem.
Eine Bühne, auf der Typen mit doppelt so viel Talent regelmäßig nervös werden. Colson? Drei Siege hintereinander. Ein weißer, unbekannter Rapper aus Ohio. Das ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein Lotto-Gewinn beim ersten Versuch, nur dass er nicht mal einen Schein gekauft hat. Danach MTV, Internet-Hype, Mixtapes, die sich wie plötzliches Straßenfieber verbreiten. „Lace Up“ wird zu seinem persönlichen Kriegsruf. Jetzt will plötzlich auch die Industrie was von ihm. P. Diddy klopft an und sagt: „Hey Junge, wie wär’s mit ’nem Vertrag?“ Und damit wird aus Colson Baker endgültig Machine Gun Kelly – ein Name, der klingt, als würde er dir gleich eine verbale Salve ins Gesicht feuern.
Sein Debütalbum steigt ein wie ein Kettenhund, der endlich freigelassen wurde. Und ab da wird’s ernst: Tourneen, Fans, Charts, Drama, alles. Mit „General Admission“ zeigt er, dass er nicht nur schreien kann, sondern auch nachdenken. Mit „Bloom“ zeigt er, dass er vielleicht sogar ein Radiohit sein könnte und plötzlich läuft er in Shopping-Malls. „Bad Things“ macht ihn zum Mainstream-Liebling, während er gleichzeitig immer noch aussieht wie jemand, der gerade aus einer brennenden Skatehalle kommt. Nebenbei schauspielert er, weil warum auch nicht? Horrorfilm hier, Thriller da, und dann The Dirt, wo er Tommy Lee spielt, als hätte er die Rolle direkt in seinen Blutkreislauf gespritzt bekommen.
Ab da war klar: Der Typ bleibt nicht in einem Genre. Der Typ bleibt nicht mal in einer Disziplin. Und dann kommt die Phase, die alle irritiert hat — außer ihm: „Hotel Diablo“. Ein Album wie ein düsterer Roadtrip durch seine Psyche. Halb Rap, halb Rock, komplett ehrlich. Und dann knallt er allen die Tür ins Gesicht und sagt: „Weißt du was? Scheiß drauf, ich mach jetzt Pop-Punk.“ Und Tickets to My Downfall wird ein verdammter Nummer-eins-Erfolg. Die Szene flippt aus. Die Rock-Welt hasst es, liebt es, schreit, diskutiert, und MGK sitzt da und denkt sich: „Ja, bitte, redet weiter über mich.“ Mainstream Sellout macht das Ganze offiziell: Der Typ ist jetzt Rock.
Währenddessen baut er ein kreatives Imperium auf. Musikvideos, Podcast-Serien, ein Café in Cleveland, Filme, Regiearbeiten. Er wirft mit Projekten um sich, als hätte er einen unendlichen Vorrat an „Warum nicht?“-Energie. Er kollaboriert mit Trippie Redd, verschiebt Grenzen, bricht Regeln, tritt Genres in die Eier. Und dann kommt Lost Americana, ein Album, das klingt wie ein Roadtrip durch die abgestürzte Seele Amerikas. Geschichten über Ausgestoßene, Verlorene, Gestrandete. Der Typ, der einst im Rage Cage angefangen hat, baut jetzt atmosphärische Alternative-Rock-Welten, die größer sind als die Probleme, aus denen er einst aufgewacht ist.
Heute ist MGK ein wandelndes „Fuck your categories“. Mal Rap, mal Rock, mal Pop-Punk, mal Schauspieler, mal Chaos, mal Genie. Vom missionierenden Nomadenkind zum Couchsurf-Überlebenskünstler, vom Underdog im Apollo Theater zum Nummer-eins-Artist, vom Rapper zum Rockstar. Kurz gesagt: MGK ist nicht einfach ein Musiker. MGK ist das Ergebnis davon, was passiert, wenn jemand sich weigert, die Rolle zu spielen, die ihm das Leben aufzwingen wollte und stattdessen seinen eigenen verdammten Film dreht.