Robert Cray wurde am 1. August 1953 in Columbus, Georgia geboren und hätte dort vermutlich auch Wurzeln schlagen können. Tat er aber nicht. Sein Vater war beim Militär und das bedeutete Koffer packen als Lebensstil. Deutschland, verschiedene US Bundesstaaten, immer unterwegs. Cray bezeichnet sich später selbst als jemand von nirgendwo. Nicht aus Koketterie, sondern weil es schlicht stimmt. Wenn man ihn zwingt, einen Punkt auf der Landkarte zu wählen, dann sagt er Pacific Northwest. Washington und Oregon. Dort landete die Familie immer wieder, bis sie sich 1968 endgültig in der Gegend um Tacoma niederließ. Lakes High School wurde sein neues Spielfeld. Und ziemlich bald auch seine Startrampe.
Musik war im Hause Cray kein Hobby, sondern Dauerbeschallung. In Deutschland bekam er klassischen Klavierunterricht. Zuhause liefen Gospel am Wochenende und unter der Woche Ray Charles, Sam Cooke, Sarah Vaughan, John Lee Hooker. Keine Kinderlieder, kein Quatsch. Nur echte Stimmen mit Seele. Irgendwann kam die erste Akustikgitarre aus einem lokalen Laden namens Bandstand Music. Ab da war es vorbei mit normalen Teenagerplänen. Radio an, Gitarre umgehängt, British Invasion im Kopf. Rolling Stones, Beatles, dazu Jimi Hendrix und dieser erdige Soul der Rascals. Tacoma in den Sechzigern war kein glamouröser Ort, aber Garage Bands sprossen wie Unkraut. Genau das richtige Umfeld für jemanden, der lernen wollte, wie man mit sechs Saiten Gefühle ausdrückt.
Cray spielte mit Nachbarskids, tingelte durch Schul Bandclubs und traf Gleichgesinnte. Aus ein paar Schülern, die alle denselben Hunger nach Soul und Blues hatten, wurde Steakface. Der Name war egal, die Energie nicht. Sie spielten Frat Parties an Universitäten, lebten von Bier, Lautstärke und dem Gefühl, dass hier gerade etwas entsteht. 1973 war Schluss. Zwei gingen zur Navy, die anderen weiter ihres Weges. Klassische Jugendband Geschichte. Aber dann kam dieser eine Moment, der alles verschob. 1971, Abschlussfeier. Albert Collins steht auf der Bühne. Der Iceman. Einer der härtesten Electric Blues Gitarristen überhaupt. Cray kommt ins Gespräch mit ihm, sagt dass er Gitarre spielt. Collins schaut ihn an und sagt sinngemäß: Bleib dran. Kein Coaching, kein Pathos. Nur ein Satz.
Vierzehn Jahre später stehen sie gemeinsam im Studio und nehmen Showdown! auf. Manche Karrieren beginnen mit Businessplänen. Diese hier begann mit einem Schulterklopfen. 1974 gründete Cray mit seinem Schulfreund Richard Cousins die Robert Cray Band. Zwei Mann. Gitarre, Bass, Gesang. Und massive Bühnenangst. Cray konnte nicht mit dem Publikum sprechen. Cousins musste die Ansagen machen. Cray sang mit geschlossenen Augen, weil alles andere zu viel war. Kein Rockstar Gehabe, kein Ego. Nur Nervosität und der Wille weiterzumachen. Sie spielten kleine Gigs in Tacoma, wieder Frat Parties, wieder langsam wachsender Ruf. Weitere Musiker kamen dazu. Ende der Siebziger tourte die Band durch College Städte an der gesamten Westküste.
1978 tauchten sie erstmals in der Tacoma News Tribune auf. Eine winzige Anzeige, versteckt irgendwo hinten im Blatt. Ein Jahr später bekamen sie eine halbe Seite inklusive Bandfoto. Innerhalb von vier Jahren vom Garagenprojekt zur national tourenden Blues Band. 1980 erschien Who’s Been Talkin. Kein lauter Paukenschlag, sondern ein klares Statement. Blues, Soul, Gefühl. Covers und eigene Songs, alles glaubwürdig. Das Fundament war gelegt.
Die Achtziger und Neunziger wurden Crays goldene Phase. Strong Persuader 1986 war der Durchbruch. Erstes Album auf Mercury, plötzlich internationale Reichweite. Dazu fünf Grammys über die Jahre. Smokin’ Gun, Don’t Be Afraid of the Dark, The Forecast, Take Your Shoes Off. Kein Hype ohne Substanz. Cray verband Blues mit Soul, R&B und einer modernen Direktheit, die auch Leute erreichte, die mit staubigem Blues vorher nichts anfangen konnten. Er machte das Genre zugänglich, ohne es zu verraten. Nebenbei tauchte er 1977 als Bassist im Film National Lampoon’s Animal House auf. Kein großer Filmauftritt, aber ein hübsches Detail in einer ohnehin ungewöhnlich bodenständigen Karriere.
Trotz Erfolg blieb er der Typ, den alte Freunde aus Tacoma heute noch als ruhig, bescheiden und fokussiert beschreiben. Einer, der lieber spielt als redet. Einer, der nie vergessen hat, wo er herkommt. Bis heute ist Robert Cray aktiv. That’s What I Heard erschien 2020 und klingt genau nach dem, was es verspricht. Ehrlicher Blues mit Seele. Keine Nostalgie Nummer, sondern ein Musiker, der weiß, wer er ist. Er wird immer noch nervös vor Konzerten. Der Unterschied ist nur, dass er heute weiß, dass genau das dazugehört. Robert Cray ist kein Mythos, kein lautes Symbol. Er ist der Beweis, dass Beständigkeit, Demut und verdammt gute Songs weiter tragen als jedes Ego. Und dass ein einziger Satz zur richtigen Zeit manchmal reicht, um ein ganzes Leben in Bewegung zu setzen.