Alex Skolnick ist das, was passiert, wenn ein Thrash-Metal-Gitarrist irgendwann merkt, dass es da draußen noch mehr gibt als Palm Mutes, Bier und Nackenschmerzen, und dann tatsächlich den Mut hat, das auch durchzuziehen. Während andere mit 16 versuchen, irgendwie halbwegs sauber Powerchords zu spielen, war Skolnick Schüler von Joe Satriani. Ja, dem Satriani. Und während andere Teenager rebellieren, trat er kurzerhand einer Bay-Area-Thrashband namens Legacy bei, die später als Testament Metal-Geschichte schreiben sollte. Der Twist: Skolnick stammt nicht aus irgendeiner Garage voller leerer Dosen, sondern aus einem akademischen Haushalt. Ivy-League-Eltern, Yale-Abschlüsse, Soziologie-Professoren.
Das Ergebnis war ein Gitarrist, der in einer Szene voller roher Gewalt plötzlich mit Harmonie, Technik und musikalischem Anspruch auftauchte. Auf den ersten fünf Testament-Alben, von The Legacy bis The Ritual, hob er die Band spielerisch auf ein Level, das sie gefährlich nah an die „Big Four“ brachte. Guitar World nannte ihn später einen der schnellsten und besten Gitarristen aller Zeiten, was in den späten Achtzigern ungefähr so viel bedeutete wie ein Ritterschlag mit voll aufgerissenem Marshall-Stack. 1992 hatte Skolnick genug. Nicht von Musik, sondern von der Idee, sein Leben ausschließlich in Tourbussen und Backstageräumen zu verbringen.
Während andere Gitarrenhelden weiter auf Autopilot shreddeten, stieg er aus, ging nach New York und tat etwas im Metal fast Unvorstellbares: Er studierte Jazz. Ernsthaft. An der New School. John Scofield, Pat Martino und George Benson wurden plötzlich zu Referenzen. Dazu kamen Philosophie, kreatives Schreiben und eine komplette Neuverkabelung des eigenen musikalischen Gehirns. Aus dieser Phase entstand das Alex Skolnick Trio, eine Jazz-Formation, die Bebop, Fusion und Heavy-Metal-Themen so selbstverständlich kombinierte, dass Puristen auf beiden Seiten nervös wurden. DownBeat beschrieb ihn später als jemanden, der mühelos von warmen Akkordmelodien zu Wes-Montgomery-Oktaven bis hin zu komplettem Noise-Wahnsinn wechseln kann.
Klingt übertrieben, ist es nicht. Das Trio tourte weltweit, chartete im Jazz-Bereich und bewies, dass Skolnick kein Aussteiger war, sondern ein Evolutionsfall. Mitte der 2000er folgte die Rückkehr zu Testament, und ironischerweise war die Band größer denn je. The Formation of Damnation, Dark Roots of Earth, Brotherhood of the Snake, Titans of Creation und Para Bellum machten klar, dass dies kein Nostalgie-Act war. Skolnick war wieder da, technisch besser, musikalisch breiter und geistig schärfer. Nebenbei spielte er bei Savatage, Ozzy Osbourne, Lamb of God, Trans-Siberian Orchestra und Metal Allegiance, als wäre das Ignorieren von Genregrenzen ein persönliches Hobby. Doch Skolnick dachte größer.
Mit Planetary Coalition schuf er ein weltumspannendes Projekt mit Musikern aus fünf Kontinenten, mit Oud, Kora, Pipa, Flamenco-Gitarre, Jazz und Metal. Kein esoterisches Konzeptalbum, sondern eine ernsthafte musikalische und gesellschaftliche Aussage. Guitar World zählte das Album zu den besten des Jahres, Kritiker waren irritiert und beeindruckt zugleich. In den 2020ern wurde es noch experimenteller. Projekte wie PAKT, Kooperationen mit Percy Jones, Tim Motzer oder Kenny Grohowski, dazu Lehrtätigkeiten, Masterclasses und Podcasts. Mit Moods & Modes schuf Skolnick eine Plattform, auf der Musiktheorie, Philosophie und Jam-Sessions zusammenkamen, mit Gästen wie Pat Metheny, Steve Vai oder Peter Frampton.
Nebenbei schrieb er Essays, hielt Vorträge, veröffentlichte eine viel gelobte Autobiografie (Geek to Guitar Hero) und bewies, dass man gleichzeitig denken und shredden kann. Heute ist Alex Skolnick einer dieser seltenen Typen, die überall reinpassen und nirgends feststecken. Jazzclub in Mailand, kein Problem. Hellfest oder Wacken, auch nicht. ESP-Signature-Gitarre, Seymour-Duncan-Pickup und endlose Endorsements sind vorhanden. Aber das Entscheidende ist etwas anderes: Skolnick hat sich nie dafür entschieden, was er sein will. Er hat sich nur entschieden, nicht stehenzubleiben.