Jason Richardson kam am 30. Juli 1991 in Fairfax, Virginia, zur Welt, einer Gegend, die nicht unbedingt dafür bekannt ist, Gitarrenvirtuosen am Fließband auszuspucken. Aber Jason war von Anfang an dieser Typ, der nicht einfach nur Musik mochte. Er wollte sie auseinandernehmen, neu zusammensetzen und dabei sämtliche Regeln ignorieren. Während andere Kids in Virginia einfach “Gitarre lernen” wollten, hatte Jason einen anderen Plan: Er wollte das verdammte Ding beherrschen wie ein außerirdischer Hacker ein NASA-Terminal. Seine Jugend bestand aus einer ungesunden Mischung aus Metal, Prog und dem unerschütterlichen Glauben, dass genug Übung jeden technischen Berg bricht, egal wie lächerlich steil er ist. Während die Welt also noch diskutierte, ob DragonForce echt oder ein Photoshop-Fehler sei, saß Jason in seinem Zimmer und übte, bis seine Finger wahrscheinlich kurz davor waren, Kündigungspapiere einzureichen. Mit 17 Jahren war er dann schon so gut, dass die Metal-Szene ihn einfach aufsammelte wie ein entlaufendes Wunderkind. Am 5.
Februar 2009 sprang er als Tourgitarrist bei All Shall Perish ein. Kein Warm-up, kein “Lass den Jungen mal üben”, direkt rein ins schwarze Herz der Szene. Von dort ging es weiter zu Born of Osiris, seiner ersten großen Bandstation, wo er nicht nur spielte, sondern, wie man so schön sagt, “den Leuten zeigte, wie es wirklich geht”. Doch Jason wäre nicht Jason, wenn er einfach irgendwo stecken geblieben wäre. Ende 2011 trennte er sich von Born of Osiris, nur um Anfang 2012 bei Chelsea Grin anzuheuern. Dort shredderte er weiter, als hätte man ihm zu viele weiße Substanzen verabreicht. Drei Jahre später 2015, kündigte er seinen Ausstieg an, weil er etwas tun wollte, das in der Metal-Welt selten so elegant abläuft: Er wollte komplett auf eigene Faust gehen. Das Resultat war „I“, sein Solo-Debüt von 2016. Und dieses Album war kein Soloalbum im klassischen Sinne.
Es war eher so, als hätte jemand eine mathematische Gleichung geschrieben, die zufällig wie Musik klingt. Gäste wie Jeff Loomis, Mark Holcomb und Spencer Sotelo zeigten: Jason spielte längst in der Liga der Monster, nicht der Lehrlinge. 2017 ging er das erste Mal solo auf Tour, zusammen mit Polyphia und Covet. Eine Art Nerd-Olympiade der Saitenakrobaten. Danach tauchte er 2018 wieder im Bandkosmos auf, diesmal als Retter-in-der-Not bei All That Remains. Nach dem Tod von Oli Herbert stieg Jason erst für die Europatour ein, dann wurde er 2019 Vollzeitmitglied. Und wie immer hinterließ er Spuren: Sein Spiel, sein Stil, seine unverwechselbare Mischung aus Highspeed und Melodie prägten die Band, bis er 2025 wieder seinen eigenen Weg ging. Zwischen all dem veröffentlichte er Singles wie „Tendinitis“, „Upside Down“ (mit Tim Henson), „Ishimura“ und schließlich sein zweites Soloalbum „II“ im Jahr 2022, erneut mit Luke Holland an den Drums, der gefühlt mit fünf Gehirnen gleichzeitig spielt. Das Album war härter, melodischer, technischer, quasi Jason Richardson auf Steroiden, der wiederum Steroide nimmt.
Über die Jahre wurde der Typ zu einem modernen Metal-Mythos: einem Spieler, der Sweep-Picking so lässig raushaut, als würde er sich dabei einen Kaffee umrühren. Er tauchte in Guitar World’s Top 10 Metal Guitarists auf, wurde in Guitar Player Magazine gefeiert und inspirierte eine ganze Generation junger Gitarristen, die dachten: “Wenn der das kann, kann ich das vielleicht auch.” Spoiler: Nein, können sie nicht. Aber Jason hat ihnen immerhin den Mut gegeben, es zu versuchen. Nicht weil er perfekt ist, sondern weil er besessen ist. Weil er sich weigert, sich mit “gut genug” zufrieden zu geben. Weil er einfach nicht aufhört, die Grenzen der Gitarre weiter nach hinten zu schieben, bis irgendwann keiner mehr weiß, wo sie mal waren. Jason Richardson ist kein Gitarrist. Er ist ein Systemfehler. Ein musikalischer Ausnahmezustand. Ein lebender Beweis dafür, dass man mit genug Leidenschaft, Sturheit und technischer Akribie eine Karriere bauen kann, die gleichzeitig wahnsinnig und wunderschön ist. Und wahrscheinlich sitzt er genau jetzt irgendwo und übt noch immer.