John Petrucci ist das menschgewordene Metronom, das irgendwann dachte, dass normale Menschen einfach nicht genug Finger haben. Er wandelt seit 1967 auf diesem Planeten, doch die wahre Katastrophe für seine Nachbarn in Kings Park begann erst zwölf Jahre später. Während andere Kids in der New Yorker Vorstadt Baseball spielten, saß John ab seinem zwölften Lebensjahr in seinem Zimmer und prügelte Arpeggios durch die Nacht, bis seine Eltern drohten, seine Gitarre als Brennholz zu deklarieren. Er griff zum Instrument, weil seine ältere Schwester ihn ins Bett zwang, während sie Black Sabbath hörte. Kein Witz: Ozzy und Iommi waren seine Einstiegsdrogen. Black Sabbath, Iron Maiden und später Al Di Meola, das war das heilige Trio, das aus einem Teenager einen Soundarchitekten machte, der heute Noten chirurgisch aus der Luft schneidet. In der Schule traf er dann auf John Myung, seinen späteren Bassisten und Bruder-im-Takt. Die beiden Freaks verstanden sich sofort: Zwei absolut nerdige Perfektionisten mit einem Hang zur musikalischen Selbstgeißelung durch zwanghaftes Üben.
Danach kam das Berklee College of Music, das Mekka für Musiker mit zu viel Ehrgeiz und deutlich zu wenig Schlaf. Dort lernte er Mike Portnoy kennen. Zusammen gründeten sie „Majesty“, was heute wie der Name einer schlechten 80er-Jahre-Metalband klingt, was sie im Grunde auch waren, bis sie checkten, dass der Name schon vergeben war. Das Ergebnis: Dream Theater. Die Jungs wollten keine gewöhnliche Band; sie wollten ein Soundlabor, eine Art musikalische NASA. Ihr Debüt When Dream and Day Unite (1989) ging zwar unter wie ein Bleiklotz, aber Petrucci war technisch bereits da, wo andere in drei Leben nicht hinkommen: jenseits von Gut und Böse. Dann kam Images and Words (1992) – Boom! „Pull Me Under“ lief auf MTV (ja, der Sender war mal relevant), und plötzlich war Dream Theater die Harvard-Version von Metallica. Petrucci wurde zur Ikone für Gitarristen, die sich lieber an 13/16-Takten als an Groupies vergreifen. Während andere im Rock-Klischee versackten, blieb Petrucci der Typ, der seine Übungsroutinen loggt wie ein Raketenwissenschaftler. Kein Alkohol, kein Drogenkram, nur Proteinshakes, Fokus und ein Metronom, das nachts Angst vor ihm hat.
Er heiratete Rena Sands, die Gitarristin von Meanstreak (ja, Powercouple-Alarm!), und bekam drei Kinder. Über die Jahre wurde er nicht einfach nur besser, er wurde eine verdammte Institution. Er schrieb Lehrbücher, produzierte Alben wie ein besessener Schweizer Uhrmacher und brachte 2020 mit Terminal Velocity endlich sein zweites Soloalbum raus. Die Kritiker sagten: „Typisch Petrucci, klingt als hätte Steve Vai ein Physikstudium abgeschlossen.“ Und dann ist da seine Liebe zu Equipment: Der Mann hat mehr Signature-Gitarren, als andere Knochen im Leib. Seine Music Man Majesty Serie ist im Grunde ein ergonomisches Raumschiff mit Saiten, ein technisches Wunderwerk, das aussieht, als würde es gleich in eine andere Dimension shredden. Präzise bis zur Gänsehaut. Petrucci spielt nicht einfach Gitarre; er führt eine Operation am offenen Herzen der Musik durch.
Live? Während seine Bandkollegen musikalische Purzelbaume schlagen und das Publikum durchdreht, steht er mit der stoischen Ruhe eines Buddhas da und lässt seine Finger explodieren. Doch hinter all der klinischen Technik steckt echtes Herz. Jeder Song von Dream Theater ist eine hochkomplexe Mischung aus Mathematik, Melancholie und existenzieller Tiefe. Petrucci schafft es, komplexe Emotionen durch noch komplexere Noten auszudrücken, und das ist verdammt geisteskrank. Heute ist er eine Legende, ein Lehrer für Millionen und der lebende Beweis, dass Disziplin verdammt nochmal sexier ist als Chaos. Und während andere Gitarristen schwitzen, spielt John Petrucci mit einem Lächeln und sagt: „Ich hab das gestern schon mit zwei Fingern gemacht, heute probier ich’s mal mit einem.“