Scott Henderson wuchs in Südflorida auf, einem Ort, der deutlich mehr Sonne als Jazzakkorde zu bieten hatte. Seine ersten musikalischen Prägungen waren entsprechend erdig. Blues Rock, Funk, laute Gitarren. Jimmy Page, Jeff Beck, Jimi Hendrix, Ritchie Blackmore. Und über allem Albert King, der für Henderson bis heute so etwas wie der emotionale Nordstern des Blues ist. Bevor Jazz überhaupt ein Thema wurde, war Scott ein Gitarrist, der Bendings liebte, Groove verstand und lieber zu viel fühlte als zu viel dachte. Der Jazz kam später. Nicht als Stilwechsel, sondern als geistige Erweiterung. Henderson merkte früh, dass ihn harmonische Tiefe und Improvisation mehr reizten als reine Riff Gewalt.
Er studierte Arrangement und Komposition an der Florida Atlantic University und zog 1980 nach Los Angeles. Ein klassischer Schritt für jemanden, der wusste, dass Stillstand keine Option war. Dort begann die Phase, in der aus einem starken Gitarristen ein eigenständiger Musiker wurde. In den Achtzigern tauchte Scott Henderson plötzlich überall dort auf, wo musikalisch ernst gearbeitet wurde. Er tourte und nahm auf mit Jean Luc Ponty, spielte mit Chick Coreas Elektric Band und landete schließlich bei Joe Zawinul. Vier Jahre mit einem seiner absoluten Helden. Zawinul, Wayne Shorter, Jaco Pastorius. Musiker, die nicht nur spielten, sondern ganze Welten bauten. Henderson nahm mit dem Zawinul Syndicate die Alben The Immigrants und Black Water auf und ist auf dem Live Doppelalbum Vienna Nights zu hören.
Das war keine Lehrzeit. Das war ein Überlebenstraining auf höchstem Niveau. 1984 gründete er gemeinsam mit Bassist Gary Willis Tribal Tech. Die Band wurde zu einem der prägenden Projekte des modernen Fusion Sounds. Hochkomplex, rhythmisch gnadenlos, musikalisch anspruchsvoll bis zur Schmerzgrenze. Henderson selbst bezeichnete diese Zeit rückblickend als SMPTE Albtraum. Extrem kompliziert, extrem fordernd. Tribal Tech veröffentlichte zehn Alben, darunter Tribal Tech X im Jahr 2012. 2014 war endgültig Schluss. Nicht aus Drama, sondern aus Erschöpfung. Manche Dinge sind irgendwann gesagt. Parallel dazu begann Henderson, etwas zu tun, das viele nicht erwartet hatten.
Er kehrte zum Blues zurück. Nicht nostalgisch, sondern bewusst. Dog Party erschien 1994 und gewann den Preis für das beste Blues Album des Jahres bei Guitar Player. Für Henderson war es weniger ein Stilwechsel als eine Korrektur. Er hatte gemerkt, dass ein großer Teil seiner musikalischen Identität nie dokumentiert worden war. Dog Party war das Gegenteil von Tribal Tech. Einfach, direkt, Spaß am Spielen. Danach folgten Tore Down House und Well To The Bone, unter anderem mit Sängerin Thelma Houston.
Trotz aller Preise und Kategorien wollte Henderson sich nie festlegen lassen. Jazz Gitarrist, Blues Spieler, Fusion Typ. Ihm war das egal.
Er hörte Albert King, Beyoncé, Tower Of Power, Charlie Parker. Shuffle Modus als Lebensphilosophie. Für ihn bedeutete Fusion nichts anderes als Mischung. Genau wie bei Gentle Giant oder Mahavishnu Orchestra. Dass das Wort irgendwann nach Hotellobby klang, war nicht sein Problem. Ab den Neunzigern entwickelte Henderson verstärkt sein Trio Konzept. Weniger Keyboards, mehr Verantwortung auf der Gitarre. Mehr Raum, mehr Risiko. Alben wie Well To The Bone, Vibe Station und schließlich People Mover entstanden aus diesem Ansatz. Musik für Live Situationen, mit einer klaren Hauptstimme, aber genug Schichten, um Tiefe zu erzeugen.
People Mover erschien 2019 und wurde von Jazz Times zum besten Fusion Album des Jahres gewählt. Henderson wurde sinngemäß zum neuen Verwalter eines Planeten erklärt, den früher John McLaughlin und Allan Holdsworth bewohnten. Keine kleine Aussage. Sein aktuelles Trio mit Romain Labaye am Bass und Archibald Ligonnière am Schlagzeug tourte durch über 70 Länder. Die beiden bringen mehr Jazz Vokabular mit als frühere Rhythmusgruppen und sind integraler Bestandteil der Musik. Henderson sucht keine reinen Begleiter. Er will Persönlichkeiten, die wissen, wann sie tragen und wann sie sprechen müssen.
Technisch ist Henderson kompromisslos. Sein Sound entsteht nicht zufällig. Marshalls mit 100 Watt, laut aufgenommen, kontrolliert gespielt. Live leiser, aber nie zahm. Er ist ein Jazz Denker mit Rock Ohren. Sein Signature Suhr ist im Kern eine alte Strat Idee, aber mit modernen Anpassungen. D Shape Hals, Jumbo Bünde, 16 Zoll Radius, Zehner Saiten, Tremolo exakt so eingestellt, dass die G Saite eine große Terz nach oben zieht. Details sind für ihn keine Spielerei, sondern Werkzeuge für Ausdruck. Wenn Henderson komponiert, schreibt er nicht für Zielgruppen.
Er schreibt für sich. In der Hoffnung, dass es da draußen Menschen gibt, die denselben Geschmack teilen. Er misstraut Musik, die versucht, jemandem zu gefallen. Aufnahmen betrachtet er nicht als Bühnenersatz, sondern als eigenes Medium. Film, nicht Theater. Produzieren, arrangieren, editieren. Mehrere Hüte, ein Kopf. Perfektion interessiert ihn nicht. Wirkung schon. Scott Henderson ist kein Gitarrist, der Karriere geplant hat. Er ist jemand, der immer dort gelandet ist, wo Musik ehrlich, anspruchsvoll und unbequem wird. Blues im Herzen, Jazz im Kopf, Rock im Ton. Und genau deshalb klingt er bis heute nach niemand anderem.