Wenn du Andy Wood fragst, was er eigentlich spielt, wird er wahrscheinlich grinsen und sagen: „Ja.“ Denn dieser Mann weigert sich hartnäckig, in irgendeine Schublade zu passen. Geboren in North Carolina, aufgewachsen in East Tennessee, also in einer Gegend, in der Bluegrass genauso lebensnotwendig ist wie Wasser, verbrachte Andy seine Kindheit auf Bluegrass-Festivals. Und zwar nicht als Zuschauer, sondern als kleiner Wettbewerbskiller. Gemeinsam mit seinem Cousin und seinem Großvater tourte er durch den Süden, gewann Titel, räumte Mandolin-Awards ab und wurde mit 16 Jahren Zweiter bei der WORLD CHAMPIONSHIP MANDOLIN CONTEST in Kansas. Kein schlechter Start ins Musikerleben, besonders wenn man bedenkt, dass er da noch gar nicht wusste, dass die E-Gitarre existiert.
Mit 18 entdeckte Andy dann die elektrische Gitarre, und plötzlich war die Welt nicht mehr nur „Acoustic vs. Loud“, sondern ein verdammter Spielplatz. Nashville-Session-Legenden wie Brent Mason und Albert Lee? Her damit. Fusion, Swing, Rock, Jazz? Auch her damit. Eddie Van Halen, Eric Johnson, Satriani, Vai? Natürlich, wer hat gesagt, man müsse sich für EIN Idol entscheiden? Andy jedenfalls nicht. Schon mit Anfang 20 holte er sich den Titel bei Guitarmaggedon, einem Wettbewerb mit 3.400 Teilnehmern. Nein, das ist kein Tippfehler. Er war dieser eine Typ, den alle anderen heimlich hassten, weil er verdammt nochmal zu gut war. Kurz darauf gründete er Down From Up, tourte mit Seven Dust, Drowning Pool und 10 Years und bewies, dass er nicht nur spielen, sondern auch Fronten rocken kann.
2009 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum A Disconcerting Amalgam, eine wilde Mischung aus Fusion, Rock, Metal und akustischem Bluegrass, ein Album, das so klingt, als hätte jemand sämtliche Gitarren-Genres in einen Hochleistungsmixer geschmissen und auf „Unvernünftig“ gestellt. 2014 folgte sein Doppelalbum Caught Between the Truth and a Lie, halb akustisch, halb elektrisch, quasi Andy Woods musikalische Multiple-Choice-Frage: „Warum entscheiden, wenn man alles machen kann?“ Spätestens 2019 fand er mit Junktown seine künstlerische Stimme: Instrumentalgeschichten, die klingen, als würde Andy dir ein Roadmovie erzählen, nur ohne Worte. Dasselbe Jahr brachte auch sein Live-Album Live at the Bijou. Und 2024? Charisma, ein Albumtitel, der im Grunde erklärt, warum Andy Wood überhaupt funktioniert.
Jede Note klingt easy, nichts wirkt gezwungen, und trotzdem steht man am Ende da und denkt: „Verdammt, wie macht der das?“ Wenn er nicht gerade auf Tour ist (mit Rascal Flatts, Scott Stapp, Gary LeVox, Sebastian Bach oder wem auch immer die Gitarrenuniversen gerade hergeben), organisiert Andy das Woodshed Guitar Experience, ein jährliches Nerd-Paradies, bei dem Gitarristen aus aller Welt zusammenkommen, um zu lernen, zu üben und sich gegenseitig zu beweisen, wer die schlimmsten Fingerkrämpfe hat. Andy Wood ist nicht nur ein Gitarrist. Er ist ein musikalischer Grenzsprenger, ein Mandolinen-Wunderkind, ein Fusion-Erzähler und ein stilistischer Jedi. Ein Künstler, der dir mit einem einzigen Lick zeigt, dass Musik keine Kategorien braucht, nur Herz, Können und ein bisschen… na ja… Charisma.