Billy Duffy wird 1961 in Manchester geboren, einer Stadt, die keine Rockstarträume verteilt, sondern Überlebensstrategien. Regen, Beton, Arbeiterklasse, diese spezielle Mischung aus Hoffnungslosigkeit und Trotz, die entweder Verlierer produziert oder Menschen, die sich mit aller Gewalt dagegenstemmen. Billy entscheidet sich früh für die zweite Variante. Mit vierzehn hält er zum ersten Mal eine Gitarre in der Hand, und ziemlich schnell wird klar: Das ist kein Hobby, das ist ein Fluchtplan. Während andere Jungs lernen, wie man in der Fabrik funktioniert, lernt er, wie man Lärm in Bedeutung verwandelt. Punk schlägt in Manchester ein wie ein Molotowcocktail, und Billy steht direkt im Feuer. Er spielt kurz bei den Nosebleeds, gemeinsam mit einem jungen, noch völlig unbekannten Morrissey. Zwei Konzerte, dann ist die Band Geschichte. Willkommen in England. Billy zieht weiter, erst durch Manchester, dann nach London, jobbt in einem Klamottenladen an der King’s Road, saugt jede Note auf, die nach Gefahr riecht, spielt sich durch Bands, die heute kaum noch jemand kennt, aber damals das Fundament für seinen späteren Erfolg legten.
Bei Theatre of Hate bekommt er zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit, tourt mit The Clash, kostet dieses Gefühl, dass die Welt vielleicht größer ist als der Block, aus dem er kommt. Dann fliegt er raus. Wieder. Normalerweise endet hier die Geschichte. Stattdessen trifft er Ian Astbury. Zwei Typen, beide zu groß für ihre Herkunft, beide zu unruhig, um sich irgendwo einzuordnen. Erst nennen sie sich Death Cult, dann nur noch The Cult – kürzer, klarer, gefährlicher. Als Mitte der Achtziger „She Sells Sanctuary“ einschlägt, ist das kein sauber gerechneter Hit. Das ist ein Unfall mit Langzeitfolgen. Billy steht mit seiner riesigen weißen Gretsch Falcon auf der Bühne, sieht aus, als würde er einen feindlichen Vogel umklammern, und jagt ein Riff in die Welt, das bis heute jede Rockkneipe zuverlässig anzündet. The Cult werden größer, lauter, amerikanischer. Rick Rubin zieht ihnen den Gothic-Nebel aus den Klamotten und dreht alles auf rohen Strom. „Electric“ ist pure Muskelspannung, „Sonic Temple“ katapultiert sie endgültig in die Stadionliga.
Billy zieht nach Los Angeles, von Manchester-Grau in kalifornische Sonne, von Clubs in Hallen, in die zehntausend Leute passen. Für viele wäre das der Endpunkt. Für The Cult ist es nur ein weiteres Extrem. Nach „Ceremony“ kommt der Bruch, Grunge frisst die höflich frisierte Rockwelt auf, und plötzlich wirkt alles, was eben noch gigantisch war, wie ein Echo aus einer anderen Zeit. Die Band zerbricht. Der Druck war zu hoch, der Weg zu lang. Billy verschwindet aber nicht. Er wird kein nostalgischer Gitarrist, der einmal im Jahr seine alten Riffs poliert. Er spielt weiter, immer weiter, in Nebenprojekten, in Supergruppen, mit Leuten wie Jerry Cantrell, auf Bühnen, die manchmal groß, manchmal lächerlich klein sind. Er wirft Gitarren in die Luft, lässt sie im Feedback stehen, spielt weiter, wenn Blut über den weißen Lack seiner Falcon läuft. Kein PR-Stunt, kein Instagram-Moment. Das ist einfach seine Art zu arbeiten. The Cult kommen wieder. Gehen wieder. Kommen wieder. Wie zwei Planeten, die sich nicht loslassen können, obwohl sie sich jedes Mal beim Zusammenstoß neue Krater schlagen.
Neue Alben, neue Touren, neue Beweise dafür, dass diese Band nie wirklich verschwunden ist, nur manchmal unter der Oberfläche verschwindet, wie ein Raubtier, das auf den richtigen Moment wartet. Irgendwann bekommt Billy seine eigene Gretsch-Signature. Keine sentimentale Ehrung, sondern eine nüchterne Feststellung: Der Typ hat dieses Instrument über Jahrzehnte in den Krieg geführt. Billy Duffy ist nie der lauteste Schreihals der Rockgeschichte gewesen. Er ist kein Zauber-Zirkus, kein Influencer, kein Posterboy für Gitarrenläden. Er ist ein Arbeiter aus Manchester, der gelernt hat, dass man mit sechs Saiten entweder flüchtet oder kämpft. Also hat er beides getan. Seine Riffs sind keine mathematischen Kunstwerke, sondern Faustschläge mit Melodie. The Cult waren nie wirklich angesagt im Sinne von „alle finden’s cool“. Sie waren immer nur da, unbequem, groß, manchmal lächerlich pathetisch, aber nie harmlos. Genau deshalb sind sie geblieben. Billy Duffy ist kein Mann, der um Applaus bettelt. Er steht auf die Bühne, hängt sich diese viel zu große weiße Gitarre um, schlägt den ersten Akkord an und wenn der Raum nicht in Bewegung gerät, dann liegt es nicht an ihm.