Brian Setzer wird im April 1959 in Massapequa, New York geboren, in einer Welt, die musikalisch eher nach Gleichschritt klingt als nach Revolte. Er beginnt brav mit dem Euphonium, spielt Jazz in der Schule, hört heimlich im Village Vanguard den Leuten zu, die wirklich wissen, wie Freiheit klingt. Und dann passiert das Unvermeidliche: Rock’n’Roll erwischt ihn. Punk gleich mit. Und Rockabilly setzt dem Ganzen die Zündschnur. Er gründet erst mit seinem Bruder eine Band, dann kommen Lee Rocker und Slim Jim Phantom dazu, der Bruder geht – und plötzlich heißen sie Stray Cats.
Drei Jungs, die aussehen, als wären sie aus einer Zeitmaschine gefallen. 1980 verkaufen sie ihre Instrumente, um nach London zu fliegen, weil sie instinktiv spüren, dass Amerika für diese Musik gerade zu müde ist. In England treffen sie Dave Edmunds, einen Gleichgesinnten mit Produzentenblick. Das erste Album schlägt ein. „Rock This Town“, „Stray Cat Strut“ – das sind keine Retro-Spielereien, das sind Kampfansagen im Maßanzug der Fünfziger. MTV hebt sie in den USA auf ein neues Level. Teenager tanzen wieder zu Kontrabässen, und Setzer steht da mit dieser Gretsch-Gitarre, als hätte er sie nicht gekauft, sondern aus einem brennenden Cadillac gerettet.
Der Erfolg ist groß, die Reibung größer. 1984 zerbrechen die Stray Cats. Das Revival, das er selbst losgetreten hat, läuft weiter – nur erstmal ohne ihn. Setzer macht das, was er immer macht: Er geht einfach weiter. Er spielt mit anderen, produziert, sucht, irrt, leidet. Sein Solodebüt klingt plötzlich nach Heartland-Rock, nach R&B, nach amerikanischer Realität statt Lederjackenromantik. Danach wird es bluesiger, dreckiger. Er tourt mit George Thorogood, findet sich wieder in dieser Zwischenwelt aus Respekt und Rastlosigkeit. Und dann, Anfang der Neunziger, greift er tiefer zurück als alle anderen: Nicht nur Rockabilly, sondern Swing.
Louis Prima statt Punk. Bläser statt Verzerrer. Die Brian Setzer Orchestra ist kein nostalgischer Witz. Es ist ein 19-köpfiges Monster. „Jump, Jive an’ Wail“ explodiert, die Grammys kommen, gleich mehrere. Plötzlich tanzt eine Generation zu Musik, die ihre Großeltern kannten – nur härter, schneller, schmutziger. Setzer hat es geschafft, gleich zwei totgesagte Genres wiederzubeleben. Nicht mit Respekt. Sondern mit Benzin. Nebenbei spielt er Eddie Cochran im Film La Bamba, taucht in Serien auf, wird sogar bei den Simpsons animiert. Er indigiert Chet Atkins in die Rock Hall, spielt im Weißen Haus, steht vor der Hollywood Bowl mit Orchester, vor 150.000 Menschen in Montreal, auf den größten Festivals der Welt.
Und trotzdem wirkt er nie wie ein Mann, der sich selbst für ein Denkmal hält. Er wirkt eher wie jemand, der einfach Angst hat, stehenzubleiben.
Seine Gretsch-Gitarren tragen irgendwann offiziell seinen Namen. Nicht, weil er Marketing kann, sondern weil sein Sound längst ein eigenes physisches Objekt geworden ist. 2014 landet sogar eine Replik seiner legendären 59er-Gretsch im Smithsonian. Rock’n’Roll als Museumsstück – und Setzer lebt noch. Dann kommt die andere Seite des Ruhms. 2025 macht er öffentlich, dass ihn eine Autoimmunerkrankung daran hindert, Gitarre zu spielen. Später spricht er sogar von einer ernsten Krankheit, Tourneeabsage, Stillstand.
Der Mann, der immer Bewegung war, wird ausgebremst. Und plötzlich steht nicht mehr der Mythos auf der Bühne, sondern ein Mensch, dessen Körper nicht mehr automatisch gehorcht. Brian Setzer ist kein reiner Vintage-Held. Er ist ein Typ, der zwei musikalische Leichen ausgebuddelt, ihnen Stromschläge verpasst und sie auf Welttournee geschickt hat. Er ist kein Nostalgiker, sondern ein Wiederbeleber. Einer, der nie modern sein wollte – und genau deshalb immer wieder modern wurde. Seine Karriere ist kein sauberer Aufstieg. Sie ist ein Kreislauf aus Absturz, Neuerfindung und verdammt lautem Comeback.
Und egal, ob er gerade vor Hunderttausenden spielt oder gezwungen ist, die Gitarre zur Seite zu legen – alles an Brian Setzer schreit dieselbe Botschaft: Rock’n’Roll ist kein Stil. Es ist ein Zustand.