Chris Shiflett ist einer dieser Musiker, die nie geplant haben, eine Ikone zu werden und genau deshalb eine geworden sind. Geboren am 6. Mai 1971 in Santa Barbara, Kalifornien, wächst er in einer Familie auf, in der Musik kein exotisches Hobby, sondern ein realistischer Lebensweg ist. Sein älterer Bruder Scott wird später Bassist bei Face to Face, Chris selbst greift mit elf zur Gitarre. Zwischendurch ist er ein ziemlich brauchbarer Fußballer, spielt in der AYSO-Liga und hätte theoretisch auch dort landen können. Aber wie so oft gewinnt am Ende die lautere Option. Mit vierzehn ist er in seiner ersten Band, und ab diesem Moment ist klar: Das hier wird kein „Plan B“.
Seine musikalische Sozialisation passiert im Punk. Schnell, direkt, keine Geduld für Bullshit. Shiflett spielt bei No Use for a Name und Me First and the Gimme Gimmes, tourt, lernt das Handwerk auf die harte Tour und versteht früh, dass gute Musik nichts mit Perfektion, sondern mit Haltung zu tun hat. Er ist kein Blender, kein Poser, sondern ein Gitarrist, der Songs stabilisiert, statt sie zu sabotieren. Diese Denkweise zieht sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Karriere. 1999 steht plötzlich eine Abzweigung im Raum, die Karrieren entscheidet. Während andere von Guns N’ Roses träumen, entscheidet sich Shiflett für die Foo Fighters. Kein Glamour, kein Chaos, sondern eine Band, die gerade dabei ist, modernen Rock neu zu definieren.
Dave Grohl holt ihn nicht wegen Rockstar-Allüren, sondern wegen seiner Punk-Vergangenheit und seiner Verlässlichkeit. Shiflett steigt ein, verlässt No Use for a Name abrupt kurz vor einer Tour – unschön, aber notwendig – und wird Teil einer Band, die in den kommenden Jahrzehnten Stadionrock mit Substanz abliefert. Seit One by One ist er auf jedem Album zu hören und mitschreibend beteiligt, unter anderem an Songs wie „All My Life“, „Times Like These“ oder „Best of You“. Keine Nebenrolle, sondern strukturelles Fundament. Was Shiflett von vielen anderen Gitarristen in Mega-Bands unterscheidet, ist seine Unruhe. Stillstand interessiert ihn nicht.
Also gründet er Jackson United, später Chris Shiflett & the Dead Peasants, spielt mit seinem Bruder bei Viva Death, covert Classic Rock mit Chevy Metal zusammen mit dem verstorbenen Taylor Hawkins und taucht immer tiefer in Americana, Country und Roots Rock ein. Er moderiert über neun Jahre den Podcast Walking the Floor, spricht mit Songwritern, Road-Veteranen und Leuten, die Musik nicht als Produkt, sondern als Lebensform begreifen. 2023 folgt Shred with Shifty, ein Gitarrenpodcast ohne Guru-Gelaber. Seine Solokarriere ist dabei keine Flucht aus dem Rock, sondern eine Erweiterung. West Coast Town (2017) und Hard Lessons (2019) verbinden Bakersfield-Country mit verzerrten Gitarren, Telecaster-Twang mit Marshall-Dreck.
In der Pandemie schreibt er neue Songs allein zu Hause – gezwungen zur Pause, gezwungen zur Reflexion. Long, Long Year und Born & Raised entstehen, aufgenommen in Nashville, aber tief verwurzelt in Kalifornien. 2023 folgt Lost at Sea, sein bislang reifstes Album: weniger Pose, mehr Bilanz, weniger Tempo, mehr Gewicht. 2021 wird Chris Shiflett mit den Foo Fighters in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen. Ein Titel, der gut aussieht, aber für ihn nie der Punkt war. Shiflett ist kein Rockstar, der bewundert werden will. Er ist ein Musiker, der arbeitet, liefert und weiterzieht. Mehr Songs schreiben, mehr Kilometer fressen, keine Mythen pflegen. Und genau deshalb ist seine Karriere nicht spektakulär – sondern beeindruckend.