Der kleine John Martin Maher kam 1963 als Sohn irischer Einwanderer in Manchester zur Welt. Die Stadt war damals grau, deprimierend und roch wahrscheinlich nach nasser Wolle und Verzweiflung. Johnny hatte zwei Optionen: Entweder er wird Profifußballer und er war verdammt gut, hatte sogar Probetrainings bei Manchester City, oder er findet einen Weg, das Universum mit sechs Saiten zu krümmen. Gott sei Dank für die Musikwelt entschied er sich für Letzteres. Er war so besessen von Musik und Mode, dass er schon als kleiner Hosenscheißer begriff, dass Popkultur ein Gesamtpaket ist. Du ziehst dich so an, wie die Musik klingt, die du liebst. Es ist eine Identität. Entweder du gehörst dazu oder du bist nur ein statistisches Rauschen. Mit 13 gründete er seine erste Band, die Paris Valentinos. Während andere Kids in dem Alter versuchten, nicht an ihren eigenen Pickeln zu ersticken, stand er schon auf der Bühne und coverte Thin Lizzy. Er änderte seinen Namen von Maher in Marr, weil er keinen Bock hatte, mit dem Drummer der Buzzcocks verwechselt zu werden.
Individualität ist keine Option, es ist ein Überlebensinstinkt. Er brachte sich das Spielen selbst bei, indem er Platten hörte und ein Akkord-Diktionär so lange anstarrte, bis die Harmonien vor Angst kapitulierten. Dann kam der Moment, der die Musikgeschichte entweder gerettet oder für immer verflucht hat: Mai 1982. Marr spaziert zu Morrissey nach Hause. Stell dir das vor: Ein hyperaktives Gitarren-Genie trifft auf einen Typen, der Blumen in der Arschtasche trägt und darüber singt, wie scheiße alles ist. Es war die perfekte Symbiose aus Licht und Schatten. Sie gründeten The Smiths. Marr erfand diesen „Jangle-Pop“-Sound, dieses schimmernde, komplexe Geflecht, das so weit weg war vom stumpfen Power-Chord-Gehabe der Zeit wie ein Fünf-Gänge-Menü von einem ranzigen Kebab. Sie ballerten Alben raus wie The Smiths, Meat Is Murder und das legendäre The Queen Is Dead. Aber Erfolg ist eine Hure. Der Stress, das Touren und die Tatsache, dass Morrissey die Flexibilität eines Ambosses hatte, führten 1987 zum großen Knall.
Marr hatte keinen Bock mehr, als „Jukebox für Cilla-Black-Cover“ zu enden, und schmiss hin. Er wollte kreativ atmen, während die Band an ihrem eigenen Ego erstickte. Nach den Smiths wurde Marr zum ultimativen musikalischen Nomaden. Der Typ hat mehr Bands gesehen als ein Groupie in den 70ern. Er spielte bei The Pretenders, The The, gründete Electronic mit Bernard Sumner und landete schließlich sogar bei Modest Mouse auf Platz 1 der US-Charts. Warum? Weil er ein „fucking Wizard“ ist, wie Noel Gallagher es ausdrückte. Er arbeitete mit Hans Zimmer an Soundtracks wie Inception (dieser tiefe, dröhnende Sound? Das war Marr auf einer 12-Saiter!) und James Bond. Er ist der Typ, den du anrufst, wenn du willst, dass dein Song nicht nach 08/15-Radio-Müll klingt. Und privat? Der Typ ist seit 1979 mit seiner Frau Angie zusammen – in der Branche ist das länger als manche tektonische Verschiebung. Er ist Veganer, rennt Marathons in unter vier Stunden und trinkt keinen Tropfen Alkohol mehr.
Er hat bewiesen, dass man ein Rockgitarrist sein kann, ohne mit 27 in einer Badewanne voll Eigenurin zu verrecken. Er ist stolzer „Mancunian Irish“ und scheißt auf nationale Etiketten wie „Britisch“. Das Beste ist aber sein Umgang mit der Vergangenheit. Als er seine Bio Set The Boy Free schrieb, tat er das ohne Ghostwriter. Er wollte die Wahrheit über die Gerichtsstreits und die Lügen der Musikpresse eigenhändig in Stein meißeln. Und wenn du wissen willst, was er von Politikern hält, die seine Musik mögen: Er hat David Cameron verboten, die Smiths zu mögen. Boris Johnson und Nigel Farage stehen auch auf der schwarzen Liste. Er sagt, es ist eine Frage des Anstands, denen eine Stimme zu geben, die zertrampelt werden. Wenn du die Smiths magst und gleichzeitig ein Arschloch bist, hast du die Musik laut Marr einfach nicht kapiert. Johnny Marr ist kein Relikt der 80er. Er ist eine Naturgewalt, die mit 132 Gitarren im Rücken immer noch zeigt, dass Integrität und ein verdammt guter Haarschnitt die Welt verändern können. Er ist der Beweis, dass du deine eigene Scheiße regeln musst, bevor sie dich regelt.