JBs epische Reise beginnt 1984 im absoluten Niemandsland: Manheim, Pennsylvania. Ein 6.000-Seelen-Kaff, in dem die aufregendste Samstagsbeschäftigung darin besteht, den Kühen beim Kacken zuzusehen. Entweder du gehst vor Langeweile kaputt, oder du suchst dir ein Ventil. Für JB war dieses Ventil eine Gitarre. Der Haken an der Sache? Er war anfangs unfassbar scheiße. Während andere mit sieben Jahren Tonleitern rauf- und runterbeten, saß der junge JB in seinem Vorstadt-Zimmer und starrte wie ein Bekloppter auf krude ASCII-Zeichen von Tabulatur-Websites wie Ultimate-Guitar. Er hatte keinen blassen Schimmer, wie man einen stinknormalen, offenen Akkord greift. Also schrammelte er stur vier simple Akkorde von Blink-182, den Ataris und Screeching Weasel nach. Seine große wissenschaftliche Erkenntnis mit 15 war: „Hey, wenn diese Scheiße in diesem Punk-Song funktioniert, dann funktioniert sie in tausend anderen auch.“ Musikschulen? Lehrer? Scheiß drauf. Er hatte eine andere Strategie.
Das Internet und purer Starrsinn waren sein Konservatorium. Genau der Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Wer glaubt, dass ein international gefeierter Metal-Gitarrist seine Songs heute auf einem teuren MacBook in einem High-End-Studio schreibt, irrt sich. Der Typ sitzt bis heute vor einem uralten Windows-Laptop, der vermutlich noch mit Kohle betrieben und von Panzertape zusammengehalten wird. Warum? Weil darauf TabIt läuft, ein Tabulaturprogramm aus der digitalen Steinzeit. Hier hackt JB jeden einzelnen Song Note für Note visuell als MIDI-Spur ein. Das System ist so absurd pragmatisch, dass die Band regelmäßig hochkomplexe Alben aufnimmt, ohne die Songs vorher auch nur ein einziges Mal zusammen in einem Raum gespielt zu haben. Er kennt keine Noten. Er weiß nur, wo seine Finger landen müssen, damit es knallt. In den ersten zehn Jahren der Band war die Formel simpel: Baller so viele brutale Breakdowns wie möglich in den Track.
Der Rest dazwischen ist nur der Müll, der die Breakdowns zusammenhält. Aber irgendwann wird das stupide Herumdreschen auf einem offenen C-Akkord stinklangweilig. JB traf eine Entscheidung, die ziemlich viel Mut erforderte. Er degradierte die Breakdowns zu Füllmaterial und packte plötzlich Western-Klänge, Indie-Rock-Einflüsse und sechsminütige Ambient-Passagen in den Sound. Die Hardcore-Puristen im Internet bekamen kollektive Weinkrämpfe und schrieen Verrat. JBs Reaktion? Ein kolossales Achselzucken. Wenn du dich aus Angst vor der Meinung irgendwelcher Kellerkinder nicht weiterentwickelst, bist du im Grunde schon tot. Um das Jahr 2010 herum, als die Band ihr Live-Album „Home“ aufnahm, zeigten sie, wie viel ihnen der ganze Glamour bedeutet: Sie mieteten die Turnhalle einer örtlichen Kirche in Manheim, schleppten ihre eigene Bühne rein und spielten einen schweißtreibenden Abriss vor ihren Nachbarn und Omas.
Pure Heimatliebe, verpackt in ohrenbetäubenden Lärm. Besonders Europa ist für JB ein persönlicher Albtraum. Nicht wegen der Fans. Die Europäer sind verdammt loyal und gehen steiler als die Amerikaner. Nein, sondern wegen der verdammten Logistik. Kein gewohntes Sportfernsehen im TV, beschissenes Internet und ein trübes Regenwetter, das ihm anscheinend tierisch auf den Sack geht. Da mag er wohl lieber die US-Touren im luxuriösen Bus mit unbegrenztem Datenvolumen, funktionierendem Internet und Luxus-Scheißhaus. Noch angewiderter ist JB nur vom modernen Aufmerksamkeitswahn. Auf der legendären Vans Warped Tour (legendäres US-Festival für Punk, Metalcore und Emo sowie Extremsport) sah er mit an, wie Teenager massenweise dreistellige Beträge zahlten, nur um das eigentliche Konzert seiner Band komplett zu schwänzen. Warum? Weil die Smartphone-Zombies lieber 20 Minuten in der Schlange standen, um ein schnelles Foto für Instagram am Autogrammzelt abzugreifen.
Für JB war das sozusagen der Tiefpunkt der Menschheit, weil die Inszenierung des Lebens den Leuten wichtiger geworden ist als das Erleben des eigentlichen Augenblicks. Was JBs Leben und Karriere aber am besten zusammenfasst, ist sein totaler Mangel an sentimentaler Romantik. Er besitzt keine coolen Vintage-Gitarren und gibt einen Scheiß auf altmodische Nostalgie. Jahrelang schleppte er ein sündhaft teures, hochkomplexes analoges Amp- und Pedal-Setup um die Welt, bis das Ding auf einer Europatournee unberechenbar und zickig wurde wie eine nervige Ex-Freundin. Seine Konsequenz? Radikaler digitaler Verrat an der gesamten Gitarren-Community. Er stieg komplett auf ein digitales Axe-FX-System um. Für Röhren-Snobs ein Sakrileg, für JB pure Logik: „Dem Typen in der ersten Reihe ist es völlig scheißegal, ob da eine echte Röhre glüht oder ein Computer läuft, Hauptsache, der Sound drückt dir die verdammten Zähne in den Hals.“ Zuverlässigkeit schlägt halt Nostalgie. Immer.
Aus demselben Grund nutzt er EverTune-Stege, weil kein Mensch Zeit hat, nach jedem fetten Riff minutenlang nachzustimmen. Aber das Schicksal hat Humor, und manchmal holt dich deine eigene Genialität ein. Für das Album „Found in Far Away Places“ schrieb JB Riffs, die so abartig schnell waren, dass er sie im Studio nur mit digitaler Hilfe fehlerfrei einspielen konnte. Als die Tour anstand, kam die bittere Realität ans Licht: Er war schlichtweg zu langsam für seine eigenen Songs. Was macht ein echter Kerl in so einer Situation? Er jammert nicht. Er sucht keine Ausreden. Er setzt sich wochenlang frustriert in seine Bude, starrt wie ein Verrückter ein Metronom an und zwingt seine linke Hand im schmerzhaften, monotonen Einzeltraining dazu, die fehlenden 10 BPM aufzuholen. JB Brubaker hat sich seinen Erfolg nicht erträumt oder erhofft, er hat ihn sich durch brutale, stumpfe Disziplin und das absolute Ignorieren von Bullshit hart erarbeitet.