Mark Tremonti wurde 1974 in Detroit geboren. Ein Ort, der nicht gerade für leise Gitarren bekannt ist. Tremonti wuchs mit zwei älteren Brüdern auf. In der Hütte lief ständig KISS, Van Halen und später Metallica. Mit etwa zehn Jahren versuchte er sich zunächst an der Trompete. Ein Instrument, das ungefähr so sexy ist wie eine Steuererklärung. Nach ein paar Wochen Notenlesen und langweiligen Übungen verlor er die Lust. Dann kam die Gitarre. Mit elf Jahren schnappte er sich eine billige Les Paul Kopie und das war der Anfang. Der Plan war klassisch: Gitarrenunterricht nehmen, fleißig lernen, vielleicht irgendwann ein paar Songs spielen. Der Plan hielt genau eine Unterrichtsstunde. Der Lehrer wollte ihm Twinkle Twinkle Little Star und Mary Had a Little Lamb beibringen. Tremonti wollte Master of Puppets spielen. Also brachte er sich das Spielen selbst bei. Tabs, VHS Lernvideos und endloses Herumprobieren wurden zu seiner Gitarrenuniversität.
In seiner Jugend gründete er erste Bands und nahm schließlich mit einer Gruppe namens Wits End sogar ein Album in einem kleinen Studio in East Detroit auf. Genau zu diesem Zeitpunkt beschloss seine Familie umzuziehen. Weg aus Michigan, runter nach Orlando, Florida. Seine Brüder blieben in Detroit zurück, sein soziales Umfeld verschwand, und plötzlich stand Tremonti in einer neuen Stadt, in der scheinbar niemand Musik machte. Er besuchte die Lake Highland Prep School in Orlando. Dort spielte kaum jemand ein Instrument. Tremonti fühlte sich isoliert und verbrachte den Großteil seiner Zeit mit Gitarre und Songwriting. In dieser Phase schrieb er Songs wie “Shed My Skin”, um mit dem ganzen emotionalen Scheiß klarzukommen. Rückblickend beschreibt er diese Zeit nicht als glücklich, aber sie machte ihn zäh. Wenn man lernt, alleine durch eine schwierige Phase zu gehen, entwickelt man eine Art mentalen Muskel und er trainierte diesen.
In der Schule traf er andere Typen, die auch musikalische Ambitionen hatten. Ein Name war Scott Stapp. Die beiden waren irgendwie musikalisch unterwegs. Wirklich ernst wurde es allerdings auf einer Party. Tremonti saß mit einer Akustikgitarre auf der Veranda und spielte ein paar Akkorde. Stapp setzte sich dazu und begann zu singen. Für Tremonti war das ein kleiner Schockmoment. Er hatte endlich jemanden gefunden, der tatsächlich singen konnte. Denn seine eigene Stimme war eher Kategorie “Katze im Mixer”. Nach der Schule ging Tremonti zunächst ans College in Clemson, wechselte aber bald zur Florida State University in Tallahassee, hauptsächlich weil die Studiengebühren günstiger waren. Dort traf er wieder auf Scott Stapp. Und diesmal beschlossen sie, eine Band zu gründen. Zusammen mit Bassist Brian Marshall und Drummer Scott Phillips entstand 1994 eine Gruppe mit einem Namen, der später Millionen Menschen erreichen sollte: Creed.
Das erste Album My Own Prison wurde 1997 für ungefähr 6000 Dollar aufgenommen und zunächst über ein eigenes Label veröffentlicht. Zufällig wurden auch nur etwa 6000 Exemplare gepresst. Die Band tourte quer durch Amerika und spielte vor jedem Publikum, das bereit war zuzuhören. Der Durchbruch kam, als ein RadiodJ aus Milwaukee den Song ins Programm nahm. Plötzlich wollten alle wissen, wer diese Band ist. Kurz darauf wurde das Album neu aufgenommen und über ein großes Label veröffentlicht. Der Rest ist Rockgeschichte. Human Clay (1999) und Weathered (2001) wurden Multi Platin. Creed spielte in riesigen Hallen, verkaufte Millionen von Platten und machte Tremonti zu einem der bekanntesten Rockgitarristen der Welt. Gitarrenmagazine kürten ihn mehrfach zum Gitarristen des Jahres. Trotzdem hatte Tremonti immer das Gefühl, er müsse noch besser werden.
Während Creed auf dem Höhepunkt ihres Erfolges standen, begannen interne Spannungen. 2004 zerbrach die Band. Gemeinsam mit Brian Marshall und Scott Phillips gründete er eine neue Band. Der einzige Unterschied war der Sänger. Statt Scott Stapp kam Myles Kennedy dazu, früher bei The Mayfield Four. Die neue Band hieß Alter Bridge, benannt nach einer Brücke in Detroit. Diese Brücke trennte ein sicheres Viertel von einem Shithole. Für ihn war es ein Übergang. Genau das, was diese neue Band sein sollte. 2004 erschien das erste Alter Bridge Album, es war weniger kommerziell als Creed, dafür musikalisch freier und deutlich härter. Tremonti konnte endlich all die Ideen umsetzen, die zuvor nicht in das Creed Konzept passten. 2010 kam es zu einer Creed Reunion mit dem Album Full Circle. Tremonti managte plötzlich zwei erfolgreiche Bands gleichzeitig.
Neben Creed und Alter Bridge startete er später auch noch sein eigenes Projekt Tremonti, bei dem er selbst den Gesang übernahm und musikalisch noch stärker in Richtung Metal ging. Für jemanden der früher dachte, seine Stimme sei Müll, war das eine ziemlich ironische Entwicklung. Später hatte Tremonti eine neue kreative Obsession. Er hörte plötzlich Frank Sinatra. Er rief seinen Manager an und sagte: Lass uns ein Sinatra Album aufnehmen und Geld für benachteiligte Menschen sammeln. Gesagt, getan. Tremonti begann Sinatra Klassiker aufzunehmen, zusammen mit Musikern aus Sinatras ursprünglicher Band. Alle Einnahmen fließen an Organisationen, die Familien mit Kindern mit Down Syndrom unterstützen. Damit bekam seine Karriere plötzlich eine neue Bedeutung. Die Musik war immer noch da. Die Riffs, die Tourneen, die Gitarren. Aber hinter all dem stand jetzt eine Mission.