Manche Kinder träumen davon, später Feuerwehrmann, Astronaut oder Dinosaurier zu werden. John Osborne träumte davon Gitarre zu spielen. Der Junge bekam von seinem Vater drei Akkorde und eine pentatonische Bluestonleiter gezeigt, ab diesem Moment war die Gitarre keine Freizeitbeschäftigung mehr. Sie war seine Religion. Als zum ersten Mal seine E Gitarre an einem Amp hing, waren Soundgarden, Pearl Jam und Nirvana praktisch seine neuen Erziehungsberechtigten. Kurz darauf marschierten Stevie Ray Vaughan, Jimi Hendrix, Brent Mason, Danny Gatton und Bluegrass Legenden wie Bryan Sutton und Tony Rice durch dieselbe Tür. Für viele Gitarristen wäre das eine Identitätskrise geworden. Für John war es einfach Dienstag. Heute hört man genau dieses Chaos in seinem Spiel. Er denkt nicht in Genres. Er denkt in Emotionen. Während andere überlegen, ob ein Solo jetzt eher Country oder Rock sein sollte, haut John einfach in die Saiten und lässt die Musik das Problem lösen. Das Ergebnis klingt ungefähr so, als hätte ein Telecaster Cowboy versehentlich eine Rockarena betreten und beschlossen, einfach dort zu bleiben.
Musik gehörte bei den Osbornes ohnehin zum Familieninventar wie Besteck oder Kaffeemaschinen. Am Küchentisch wurde gesungen, gespielt und Songs geschrieben. Wer mitmachen wollte, musste liefern. Herumklimpern war keine Option. Die Familie behandelte Musik nicht wie ein Hobby, sondern wie eine Sprache. Erst wenn du sie sprechen konntest, durftest du mitreden. Die Eltern hatten selbst versucht, als Songwriter in Nashville Fuß zu fassen. Der große Durchbruch blieb aus. Stattdessen hinterließen sie ihrem Sohn etwas Wertvolleres als einen Plattenvertrag: den Glauben, dass man es wenigstens versuchen muss. Also zog John Mitte der 2000er Jahre nach Nashville und machte genau das. Der Anfang war alles andere als glamourös. Geld war knapp. So knapp, dass Gitarren regelmäßig im Pfandhaus landeten. Nicht weil das irgendwie romantisch gewesen wäre, sondern weil Miete meistens wichtiger ist als Vintage Holz. Ironischerweise wurde genau daraus später ein Markenzeichen. Als endlich Geld da war, hörte John nicht auf, Pfandhäuser zu besuchen. Jetzt ging er freiwillig hinein. Gitarren kaufen macht schließlich deutlich mehr Spaß als Gitarren zurückzukaufen. Bis heute verbringt er Tourtage damit, Craigslist zu durchforsten oder in irgendwelchen Kleinstädten nach vergessenen Instrumenten zu suchen. Während andere Musiker zwischen den Shows Netflix schauen oder Hotels verwüsten, steht John lieber in einem staubigen Laden und diskutiert über eine fünfzig Jahre alte Telecaster, die aussieht, als hätte sie drei Scheidungen und zwei Kneipenschlägereien überlebt. Sein größtes Talent ist dabei nicht einmal Geschwindigkeit. Es ist Geschmack. John gehört zu diesen Gitarristen, die nie das Gefühl vermitteln, beweisen zu müssen, wie viele Noten sie pro Sekunde spielen können. Er spielt lieber eine einzige Note, die dich mitten in der Brust trifft, als fünfzig, die nach drei Sekunden wieder vergessen sind. Genau deshalb verschwimmen bei ihm die Grenzen zwischen Country und Classic Rock völlig mühelos. Seine Soli fühlen sich nicht an wie Pflichtprogramm zwischen zwei Refrains. Sie erzählen Geschichten. Mal dreckig. Mal melodisch. Mal völlig außer Kontrolle. Und genau das macht Songs wie *Shoot Me Straight* so besonders. Über sechs Minuten Musik und plötzlich interessiert es keinen Menschen mehr, ob das jetzt Country oder Rock ist. Gute Musik kennt solche Schubladen ohnehin nicht. Bei den Aufnahmen zu *Port Saint Joe* zog sich John bewusst mit der Band an den Strand Floridas zurück. Nicht wegen Palmen oder Cocktails, sondern weil Kreativität keine Lust auf Rechnungen, Post oder Hundetermine hat. Zwei Wochen lang existierte nur Musik. Als Freunde zum Grillen vorbeikamen, spielte die Band den Song *Shoot Me Straight* einfach aus Spaß noch einmal live durch. Genau dieser Take landete auf dem Album. Mit einem kleinen Fehler im Solo. Natürlich hätte man ihn korrigieren können. Moderne Studiotechnik macht aus jedem durchschnittlichen Musiker einen Halbgott. Doch Produzent Jay Joyce ließ den Patzer genau dort, wo er war. Weil echtes Leben nun einmal kleine Macken hat. Und genau deshalb klingt die Aufnahme lebendig statt geschniegelt wie ein Instagram Filter. John liebt genau diese Unberechenbarkeit. Für ihn ist Musik kein Excel Tabellen Projekt, sondern kontrolliertes Chaos. Jeder Abend soll sich ein kleines bisschen anders anfühlen. Jeder Gig soll die Möglichkeit haben, glorreich zu eskalieren. Wenn nichts schiefgehen kann, ist wahrscheinlich auch nichts wirklich spannend. Vielleicht erklärt genau das seinen Blick auf außergewöhnliche Gitarristen. Als jemand fragte, ob das Spielen irgendwann langweilig werde, wenn man so gut sei wie Guthrie Trapp, antwortete John trocken: „Nein. Man wird so gut, weil es niemals langweilig wird.“ Dieser eine Satz beschreibt ihn vermutlich besser als jede Biografie. Für John Osborne ist die Gitarre kein Werkzeug. Sie ist seine Stimme. Als schüchternes Kind wollte er nie Sänger werden. Reden fiel ihm schwer. Also ließ er lieber sechs Saiten sprechen. Und die erzählen bis heute verdammt unterhaltsame Geschichten.
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