Andreas Kisser ist einer dieser Typen, bei denen man sich fragt, ob das Leben irgendwann beschlossen hat, sämtliche Metal-Klischees in einen einzigen Menschen zu packen und zu schauen, was passiert. Geboren wurde er im August 1968 irgendwo bei São Paulo. Sein Vater war ein ausgefuchster deutscher Maschinenbauingenieur bei Mercedes-Benz, seine Mutter eine Deutschlehrerin mit slowenischen Wurzeln. Eigentlich die perfekte Ausgangslage für ein Leben voller Gartenzäune, Versicherungsverträge und pünktlicher Steuererklärungen. Stattdessen entwickelte Andreas eine gefährliche Obsession für Gitarren, Verstärker und Lärmbelästigung. Mit zehn Jahren hörte er noch die Beatles, Roberto Carlos und brasilianische Volksmusik aus der Plattensammlung seiner Eltern. Seine erste Akustikgitarre bekam er von seiner Großmutter. Eine zweite gewann er später tatsächlich bei einem Bingo-Abend. Kein Witz. Während andere zukünftige Rockstars von legendären Musikläden oder geheimnisvollen Flohmarktfunden erzählen, konnte Andreas theoretisch sagen, dass seine Karriere teilweise von Rentnern finanziert wurde, die auf Nummer 42 hofften.
Als ein Freund ihn mit KISS bekannt machte, war es vorbei. Schlagartig wurde aus dem Jungen, der Popakkorde lernte, ein Teenager, der von verzerrten Gitarren und riesigen Bühnen träumte. Das erste KISS-Konzert, das er 1983 in São Paulo besuchte, traf ihn wie ein Vorschlaghammer. Während normale Menschen nach einem Konzert nach Hause fahren und denken: "War ganz nett", kam Andreas zurück und beschloss, sein Leben komplett in Richtung Rockstar umzubauen. Kurz darauf standen Black Sabbath, Deep Purple, Iron Maiden, Led Zeppelin und Metallica auf seinem persönlichen Speiseplan. Seine erste E-Gitarre war eine Giannini Supersonic, also ein Teil, das wie eine Fender Jaguar aussieht. Einfach ein Werkzeug, mit dem man Eltern und Nachbarn in den Wahnsinn treiben konnte. 1984 gründete er mit Freunden die Band Esfinge. Drei Jugendliche mit Instrumenten, wenig Geld und deutlich mehr Tatendrang. Sie spielten erstmal Covers von Black Sabbath, Iron Maiden, Ozzy Osbourne, Venom und Metallica. Zwei Jahre später wurde aus Esfinge die Band Pestilence. Ein geiler Name, der schon so klang wie etwas, das man sich im Mittelalter einfing und nicht überlebte.
Die Band veröffentlichte 1987 ein Demo namens "Slaves of Pain". Reich und berühmt wurde dadurch niemand. Doch einige der Songs waren so stark, dass sie später auf Sepultura-Alben wiederverwendet wurden. Dann passierte etwas, das sein Leben komplett auf den Kopf stellte. Andreas besuchte während eines Urlaubs in Belo Horizonte ein Konzert von Sepultura. Eigentlich wollte er nur zuschauen. Stattdessen schleppte er plötzlich Equipment als Roadie, hing backstage herum und spielte mit den Musikern. Als Gitarrist Jairo Guedes die Band verließ, bewarb sich Andreas kurzerhand auf die Stelle. Und genau hier nahm die Geschichte ihren Lauf. Sepultura war bereits eine aggressive Underground-Band, aber mit Andreas wurde daraus eine musikalische Abrissbirne. Max Cavalera sagte später selbst, dass Andreas völlig neue Ideen und Einflüsse in die Band brachte. Das erste Album mit ihm hieß "Schizophrenia", und passender hätte der Titel kaum sein können. Die Band entwickelte sich plötzlich in einem Tempo weiter, das wirkte, als hätte jemand den Fast-Forward-Knopf gedrückt.
Mit "Beneath the Remains" und später "Arise" katapultierten sich Sepultura an die Spitze der weltweiten Thrash-Metal-Szene. Während amerikanische Bands noch darüber diskutierten, wer die härtesten Riffs schrieb, kamen vier Brasilianer um die Ecke und sorgten dafür, dass reihenweise das Bier verschüttet wurde. Anfang der Neunziger waren Sepultura nicht mehr nur eine Metal-Band. Sie waren eine Bewegung. Tourneen mit Ozzy Osbourne, Ministry, Helmet und Alice in Chains folgten. Dann kam 1993 "Chaos A.D.", und anstatt einfach noch schneller und aggressiver zu werden wie jede andere Thrash-Band, integrierte Andreas brasilianische Tribal-Rhythmen und Groove-Elemente in den Sound. Das Ergebnis war eines der wichtigsten Metal-Alben der Neunziger und der Soundtrack für Millionen Menschen, die schlechte Laune zu einer Kunstform erhoben hatten. Mitte der Neunziger arbeitete er mit Jason Newsted von Metallica, Robb Flynn von Machine Head und Tom Hunting von Exodus zusammen. Die Projekte hießen Sexoturica, Quarteto de Pinga oder Godswallop. Bereits die Namen klingen so, als wären sie um drei Uhr morgens mit Whiskyatem entstanden.
1992 zündete sich James Hetfield auf der Bühne an, und Andreas ballerte sich beim Metallica-Vorspielen als vorübergehnder Ersatzmann bis ins Finale. Den Job bekam er am Ende trotzdem nicht. Dann kam 1996. Das Jahr, in dem Sepultura bereits für tot erklärt wurde. Nach dem tragischen Tod seines Stiefsohns verließ Max Cavalera die Band. Für viele Fans war das so, als würde man erfahren, dass Darth Vader die Star-Wars-Filme verlässt oder dass Ozzy Osbourne plötzlich Buchhalter wird. Stattdessen suchte die Band mit Derrick Green einen neuen Sänger und machte einfach weiter. Genau diese Entscheidung macht Andreas bis heute zu einer der unterschätztesten Figuren der Metal-Geschichte. In den folgenden Jahrzehnten wurde Andreas zum eigentlichen Motor von Sepultura. Während Kritiker Jahr für Jahr erklärten, warum die Band tot sei, veröffentlichte er einfach weiter Alben und bewiesen, dass Sepultura nicht von einer einzigen Person abhängig war. Andreas arbeitete nebenbei an Filmmusiken, produzierte andere Künstler, spielte Gastsoli auf zahllosen Alben und gründete Projekte wie HAIL!, De La Tierra und später Kisser Clan gemeinsam mit seinem Sohn Yohan.
Während viele Rockstars irgendwann anfangen, ihre eigene Legende zu glauben, wirkte Andreas immer wie der Typ, der einfach nur spielen wollte. Heute gilt Andreas Kisser als einer der wichtigsten Gitarristen, die der Metal je hervorgebracht hat. Nicht weil er der schnellste Spieler der Welt wäre. Nicht weil er ständig zeigen muss, wie viele Noten pro Sekunde er spielen kann. Sondern weil er etwas viel Schwierigeres geschafft hat. Er hat fast vier Jahrzehnte Musikgeschäft überlebt. Bandkrisen, Besetzungswechsel, Plattenfirmen, Modetrends, Internet-Experten und die unzähligen Menschen, die Sepultura seit 1996 regelmäßig für tot erklären. Andreas Kisser macht einfach weiter. Immer. Wie ein Panzer mit Gitarrengurt. Und genau deshalb ist er weit mehr als nur der Gitarrist von Sepultura. Er ist der verdammte Motor, der die Maschine seit Jahrzehnten am Laufen hält. Ohne ihn wäre Sepultura wahrscheinlich längst Geschichte. Mit ihm wurde die Band zu einer Institution, die selbst nach fast vierzig Jahren noch genug Wucht besitzt, um neue Generationen von Metal-Fans in den Wahnsinn zu treiben.