Mark Holcomb kroch 1985 irgendwo in Maryland aus der Röhre. Soweit so unspektakulär und nun stell dir vor, du bist dreizehn. Dein Leben ist scheiße. Dein großer Traum? Basketball. Du willst der nächste Michael Jordan werden, Körbe werfen wie ein Gott, die Halle zum Beben bringen. Und dann sagt dein Knie: „Weißt du was? Fick dich.“ Zack, Verletzung. Aus und vorbei. Für die meisten Teenager dieser Zeit wäre das der Startschuss für eine Phase mit Atari-Videospielen, Pickeln und Pornos auf Betamax-Kassetten. Aber Mark hatte komischerweise andere Pläne. Wahrscheinlich weil er einfach etwas Cooles und Produktives brauchte. Also schnappte er sich eine Gitarre. Die ersten zwei Stunden Unterricht? Reine Zeitverschwendung. Er hatte kapiert, dass Theorie langweilig war. Er wollte den richtigen Scheiß, den Krach und das Gefühl, wenn ein Riff dir die Eier langzieht. Also lernte er, wie jeder anständige Metal-Gitarrist: Platten hören, nachspielen, verzweifeln, fluchen, wiederholen. Stunden, Tage, Monate. Bis die Nachbarn dachten, bei Holcombs zuhause würde permanent ein Hubschrauber notlanden.
Der erste Schlag in die Fresse kam von einem MTV-Special über die Foo Fighters. Dave Grohl. Dieser Typ spielte Schlagzeug, sang, schrieb Songs und führte ’ne Band. Alles gleichzeitig, als ob’s das Normalste der Welt wäre. Für einen Teenager, dessen Lebensplan gerade in die Brüche gegangen war, sah das aus wie die Blaupause für ein verdammt geiles Leben. Kurz danach traf es ihn dann mit voller Wucht. Randy Rhoads, Dimebag Darrell und James Hetfield. Drei Typen, die ihm ohne ein Wort erklärten, wozu eine Gitarre wirklich da ist. Hetfield, dieser Maschinengewehr-Mann, zeigte ihm, dass Rhythmus keine Begleitung ist, sondern eine Dampfwalze. Rhoads brachte die Melodie, dieses fast schon schmerzhaft schöne Heulen. Und Dimebag? Dimebag war der lebende Beweis dafür, dass man auch mit einem Bier in der Hand und einem Grinsen im Gesicht die Welt in Brand setzen kann. Also saß unser Teenager aus Maryland da, zupfte an den Saiten und stellte sich die eine existenzielle Frage, die jeden angehenden Metalhead umtreibt.
„Wie zur Hölle schafft es dieser Hetfield, diese galoppierenden Downpicking-Riffs zu spielen und dabei auch noch zu singen?“ Während andere Gitarristen hektisch nach Bands suchten, zog er sich zurück und bastelte an seiner eigenen Klangwelt. 2006 startete er Haunted Shores. Anfangs war das nicht viel mehr als ein musikalisches Labor für einen Besessenen. Er schrieb Riffs, programmierte Schlagzeug, schichtete Gitarrenspuren übereinander, bis es klang, als würde eine Metal-Maschine zum Leben erwachen. Dann tauchte dieser andere verrückte Typ auf: Misha Mansoor. Zwei Gitarristen, die sich gegenseitig Riffs schicken, endet meistens in einer Katastrophe. Entweder ist das Projekt nach drei Wochen tot, oder es wird eine kreative Ehe, bei der die Nachbarn endgültig die Polizei rufen. 2011 kam dann der Anruf, der alles veränderte. Periphery, diese progressive Metal-Band, die gerade dabei war, das Regelbuch der Szene neu zu schreiben, brauchte einen neuen Gitarristen. Alex Bois war raus. Holcomb sollte nur einspringen. Eine Tour in Australien. Ein paar Shows. Dann zurück ins Leben. Das war der Plan.
Gemeinsam mit Misha Mansoor und Jake Bowen formte sich ein geniales Gitarrentrio. Aus dem Ersatzmann wurde ein festes Mitglied. Das erste Album, das er komplett mit der Band einspielte, war Periphery II: This Time It's Personal (2012). Und jetzt wird’s richtig schräg. Bei Periphery schreiben sie keine Musik, sie befreien sie aus einem Irrenhaus. Die Jungs ziehen sich vor einem Album wochenlang zurück, wohnen zusammen, essen zusammen, atmen zusammen und zerfleischen sich musikalisch. Sie spielen den ganzen Tag Gitarre, nehmen Ideen auf, löschen sie wieder und diskutieren mit einer Intensität über Riffs, die man sonst nur von Palästinensern und Israelis kennt. Demokratie im Metal ist kein Ponyhof, sondern ein Gladiatorenkampf. Sänger Spencer Sotelo und Schlagzeuger Matt Halpern? Die dürfen erst ins Studio, wenn die Gitarren-Nazis ihr Werk vollendet haben. Der absolute Gipfel des Wahnsinns war 2015 mit den beiden Konzeptalben Juggernaut: Alpha und Juggernaut: Omega. Zwei Alben. Eine düstere Geschichte. Und Songstrukturen, die so kompliziert waren, dass selbst studierte Musiker erstmal googeln mussten, wo denn jetzt der Refrain ist.
2016 folgte Periphery III: Select Difficulty, fast schon entspannt, zumindest wenn man den Maßstab dieser Band anlegt. Und dann 2019 Periphery IV: Hail Stan. Der Opener dauert länger als manche Netflix-Folgen. Eine Metalband, die einen Song schreibt, der die Aufmerksamkeitsspanne eines durchschnittlichen Menschen übersteigt? Das ist kein Radio, das ist eine Lebenseinstellung. Während Periphery immer weiter durch die Decke ging, blieb Holcomb seinem Nebenprojekt treu. Haunted Shores war nie tot, es schlummerte nur und wartete auf den richtigen Moment. 2022 schlugen sie mit dem Album Void zurück. Und im Gegensatz zur demokratischen Hölle von Periphery war das hier der reine, ungefilterte Spaß: Zwei Gitarristen, die einfach nur so viele brutale Riffs wie möglich raushauen wollten. Als ob das alles nicht schon absurd genug wäre, tauchte Holcomb 2019 plötzlich in einem Videospiel auf. Disco Elysium, dieses verrückte Rollenspiel, das man entweder liebt oder nicht versteht. Er lieh der Figur Tommy Le Homme seine Stimme. Ein Prog-Metal-Gitarrist spricht einen Charakter in einem Kult-RPG.
Klingt random? Ist es auch. Aber es passt irgendwie perfekt zu einem Typen, dessen ganze Karriere auf einem Zufall basiert. Und hier ist der Haken an der ganzen Sache: Trotz all seiner Fähigkeiten, trotz der technischen Finesse, trotz der Alben, die wie musikalische Monumente wirken, hält sich Holcomb nicht für ein unantastbares Genie. Im Gegenteil. Er ist dieser seltene Typ Musiker, der dir ganz offen sagt, dass er an manchen Tagen denkt, er sei der King, und an anderen Tagen ist er überzeugt, dass alles, was er spielt, absoluter Mist ist. Diese Mischung aus Selbstzweifel und unerbittlichem Ehrgeiz ist sein Treibstoff. Sein Plan ist so simpel wie genial: So viele Alben wie möglich aufnehmen. Zehn, zwanzig, mehr. Einfach, damit er eines Tages zurückblicken und sagen kann: „Wir haben einen Katalog hinterlassen, der sich mit den Helden meiner Jugend messen kann.“ Und das alles, nur weil ihm als Teenager ein blödes Knie den Traum vom Basketball kaputt gemacht hat. Manchmal muss das Leben dir erst einen Tritt in die Eier geben, damit du erkennst, dass du eigentlich eine verdammt geile Axt schwingen solltest.